Eine Aktion des Vereins NICOS FARM e.V. Startseite| Kontakt| Impressum| Datenschutzerklärung

Inwendig warm, Tag 33

02.Sep.2013

Von Frankfurt nach Langen
Alles Käse

Die Welt hat sich gegen uns verschworen. Also zumindest das Navi. Wir müssen zur Schule, dort, wo wir gestern angekommen sind, und uns die Schulleiterin und ein Lehrer begrüßt hat. Der Lehrer will heute mit uns zum Römer wandern. Das Navi führt uns nach Frankfurt. Und weil vor der Schule eine Baustelle ist, führt es uns auch gleich wieder aus Frankfurt hinaus. Auf die Autobahn. Spinnt der? Ich merke es nur deshalb, weil – plietsch, wie ich bin – mir der Rückweg von gestern bekannt vorkommt.
Mit einer halben Stunde Verspätung (wie ich sowas hasse) kommen wir dann an der Schule an.

Unser Lehrer hat noch eine Kollegin als Begleiterin gewinnen können, so gehen wir als Quartett in Richtung Römer. Frankfurt ist gerammelt voll von kleinen Kundgebungen und politischen Versammlungen. Mit dem Glockenschlag erreichen wir den Römer. Nico haut auf die Hupe, Melanie und Gooding erwarten uns bereits. Endlich lerne ich auch Felix, den Chef von Gooding kennen. Sie haben uns nicht nur den Weg entlang begleitet, sondern uns auch engagiert und liebevoll unterstützt. Melanie, Maxi, Felix…. Ich lass mal gut sein, an dieser Stelle – aber ihr ward wirklich super 

Wir bekommen zur Begrüßung noch eine wunderschöne Darbietung, eine brasilianische Perfomance, getanzt und getrommelt (seht Euch die Bilder an – ich freue mich schon in der Nachbearbeitung allen diesen lieben Menschen einen Gruß zu senden), Frankfurter Rundschau ist da, möchte Interview. Ich kriege Puls, Bluthochdruck, möchte allen gerecht werden, und immer dieser Zeitdruck.

Endlich bisschen Ruhe, wir überqueren den Main. Gar nicht so einfach. Es ist nämlich auch noch ein Straßenfest und der Fahrstuhl für die Brücke stark frequentiert. Aber irgendwie kommen wir dann doch noch rüber. Wir sind auf dem Weg nach Langen. Dort wartet bereits der Bürgermeister auf uns.
In der Stadthalle werden wir zum leckeren Abendmahl eingeladen. Der Bürgermeister kommt aus der Arbeiterwohlfahrt. Eigentlich brauche ich ihm über unser Anliegen nix zu berichten. Das weiß der bereits alles.

Wir lassen es uns schmecken. Nico verschmäht den Braten, den ich ihm ausgesucht habe. Er hat sich für den eingelegten Handkäs entschieden. Der liegt allerdings auf dem Teller vom Bürgermeister. Aber der ist ein Freund und lässt Nico mal kosten. Ein Fehler, wie sich herausstellt. Denn den Handkäs ist er los.

Für den nächsten Morgen sind für zum Marathon eingeladen. Nein, nicht zum Mitlaufen. Den Startschuss dürfen wir geben!

Wir sind nicht allein. So halten wir uns inwendig warm.

Euer Arnold

Inwendig warm, Tag 32

02.Sep.2013

Von Karben nach Frankfurt, 23 Kilometer
Im Märzen der Bauer den Rollstuhl einspannt

Real sind wir bereits im Schwarzwald angekommen. Berichterstattungsmäßig hinke ich ja bekannterweise um Tage hinterher. Hier also die Rückblende:

Das Berufsbildungswerk hat heute Tag der offenen Tür. Die Bühne ist bereits aufgebaut. Programmpunkt Nr. 2 sind wir. Nico und ich. Oh je, oh je… Verabschiedung der Wandergruppe „inwendig warm“. Ich sehe schon, was auf mich zukommt. Mikrofon, Tunnelblick, Wortfindungsstörungen. Aber ich habe ja Melanie. Melanie arbeitet für Gooding, eine Netzwerkorganisation, die uns sehr hilfreich unterstützt. Melanie hat für den Raum Frankfurt die Organisation übernommen. Hat seit Wochen alles geregelt. Heute wandert sie mit. Ich freue mich.

Plötzlich stehe ich auf der Bühne. Hallo! Melanie? Wolltest Du nicht etwas sagen? Du wolltest doch meine Pressesprecherin… Also muss ich wohl meine gestammelten Werke ins Mikrofon säuseln.
Ich habe den Eindruck, niemand hört mir zu. Egal, wir traben wir los. Melanie weiß, wo es lang geht. Dachte ich. Gestern habe ich sie gefragt, ob sie den Weg kennt. Ich gebe zu, ich drücke mich manchmal schlecht aus. Sie sagte, sie kenne den Weg. Es war ein großes Missverständnis. Sie kennt den Weg nämlich nicht. Aber Melanie hat ein Handy mit Wanderfunktion.

Die Arme schwitzt und läuft rot an, weil sie nun die Verantwortung für die Route übernehmen muss. Ich schwitze, weil ich Klappskalli über die Hügel schiebe. Wir haben aber Gesellschaft von Timi und dessen Betreuer Christian. Eigentlich wollten uns noch weitere Mitwanderer begleiten. Aber die Bundesbahn vermutet, dass Rollstuhlfahrer über die Gleise schweben können. Das ist aber ein Irrtum. Mit einem Rollstuhl kann man gar nicht schweben.

Ein kurzer Protest von Christian ins Mikrofon (der aber ungehört bleibt), dann wandern wir los. Oh, die arme Melanie. Sie ist ganz rot, lotst uns aber mit ihrem Handy sicher in die richtige Richtung. Die führt allerdings auch über Feldwege und Äcker. Die Räder vom Rolli fressen sich tief in den Boden ein. Es ist warm und der Schweiß, mein Schweiß, läuft in Strömen. Die Poren oder besser: die Schleusen öffnen sich und es läuft nur so aus mir heraus.

Ich pflüge dem Bauern seinen Acker. Wir sind nämlich mitten auf dem Feld. Lasse mir nicht anmerken, dass ich wohl gleich zusammen klappen werde.
Ja, nee, is klar. Sonnenklar. Melanie und Volker stecken unter einer Decke. Meine Verschwörungstherorie erhält neue Nahrung. Das ist doch abgesprochen! Bauer, du kannst nun pflanzen. Der Acker ist gerichtet. Ich schaffe es mit letzter Kraft bis zur Landesstraße.

Nur noch ein paar Kilometer bis zu einer Schule. Dort ist das Etappenziel. Eigentlich wollen wir von dort in ein Hotel. In eines der besten: Best Western. Wie haben wir uns darauf gefreut. Auch das klappt heute nicht. Es gab ein paar Missverständnisse. Hätte ich bloß Volker oder Melanie die Organisation überlassen. Bei denen klappt alles. Wenn auch schweißtreibend. Wir müssen wohl oder übel 40 Kilometer zurück fahren und im Wohnwagen übernachten. So ist das eben im Himalaya. Abenteuer pur. Wenigstens der kleine Zeh ist noch dran.

Aber: Wir sind nicht allein. So halten wir uns inwendig warm.

Euer Arnold

„Mit dem Rolli durch die Republik“

29.Aug.2013

Das Journal Frankfurt berichtet in seiner Online-Ausgabe über unsere Wanderung:

Hier geht’s zum Artikel

Inwendig warm, Tag 31

28.Aug.2013

Dorheim nach Karben, 22 Kilometer

High noon in Friedberg. Endlich mal wieder eine politische Initiative, die das Thema „Pflege“ auf ihre Fahnen geschrieben hat. Die Linke in Friedberg möchte sich mit mir um 12 Uhr in der Kaiserstraße treffen. Von Dorheim bis dort brauche ich nicht lange. Ich kann also ausschlafen. Oh, ist das schön!
Mein Fersensporn ist ein Freund und mein kleiner Zeh hat sich feige zurück gezogen. So erreiche ich mit strammem Schritt den Treffpunkt viel zu früh. Eine gute Gelegenheit, die Altstadt bisschen zu erkunden. Ich verinnerliche eigentlich erst jetzt, wie sehr sich die Architektur seit Flensburg verändert hat. Auch sprachlich habe ich längst eine andere Region, eine andere Kultur erreicht. Aus dem „Moin, Moin“ ist ein Morsche“ geworden.

Mir kommt eine kleine Gruppe netter Leute entgegen. Mit Wanderstock und gefülltem Tuch. Das ist bestimmt mein Empfangskomitee. Genau! Zur Begrüßung erhalte ich eine Grundausstattung Wanderutensilien. Irgendwann werden sie im „Nicos Farm (Aktions-) Museum“ einen würdigen Platz bekommen.

Diese lieben Menschen haben sich, wie ich, das Thema „Pflege“ auf Ihre Fahnen geschrieben, Flugzettel verfasst, Plakate umgehängt und stehen nun auf der Hauptstraße von Friedberg, um auf ihre Botschaft aufmerksam zu machen. Die Leute eilen vorbei, ohne inne zu halten. Es geht sie ja nichts an. Denken sie. Vielleicht kommt die Botschaft aber auch aus dem vermeintlich falschen Lager. Ich würde mir wünschen, dass dieses Thema parteiübergreifend in Angriff genommen wird. Lösungsorientiert.

Aber die Presse ist da, eine Fotografin von der Frankfurter Rundschau möchte ein paar Fotos machen. Sie ist sehr enttäuscht, dass Nico nicht dabei ist. Ich erkläre ihr, dass er sich wieder ein paar Tage von mir erholen muss und deshalb nach Hamburg zurück gereist ist. (Hallo, Sozialbehörde HH, mitbekommen?  )

Ich muss weiter. Heute übernachte ich in Karben, beim Berufsbildungswerk. Sie haben mir ein Zimmer für die Nacht zur Verfügung gestellt.

Inwendig warm, Tag 30

28.Aug.2013

Hungen nach Dorheim,19 Kilometer
Eine Hacke macht Attacke

Hallo? Jemand da? Nö?? Ich stehe vor dem Rewe-Markt in Hungen. Eigentlich bin ich zum Frühstück eingeladen. Und Mitwanderern wurde über die Presse ein Platz zum Mitwandern angeboten. Na gut, dann nicht. Dann frühstücke und wandere ich eben alleine. Ich warte noch das akademische Viertelstündchen ab, danach schmeiße ich meinen Rolli an. Heute habe ich ja nur ein kurzes Stück auf dem Zettel. Bis Dorheim sind es schlappe 19 Kilometer.

Ich schwebe über den Asphalt. Das ist auch besser so. Auftreten ist heute nicht so gut. Mein Fersensporn hat sich wieder gemeldet: Hallo, da bin ich wieder. Fersensporn ist eine Entzündung in der Ferse. Ich laboriere schon fast ein Jahr damit herum. Wenn ich den Fuß nicht abrolle, sondern einfach nur nach vorn schiebe, hält sich der Schmerz in Grenzen. Sieht aber ulkig aus.

Auf dem anderen Fuß, dem rechten, sorgt mein wundgescheuerter kleiner Zeh für den nötigen Ausgleich. Ich hatte ihm bereits mit der Zange gedroht. Aber er lässt sich nicht beirren und scheuert einfach weiter. Klein aber gemein. So wackel ich über den Asphalt mit meinem Rollator.

Nach vier unspektakulären Stunden erreiche ich Dorheim.
Hallo? Jemand da? Nö??
Dann eben nicht.

Mit dem Bus fahre ich zurück zum Rewe-Markt. Dort steht noch mein Auto. Das brauche ich, um wieder zum Basislager, meinem Wohnwagen, zu gelangen.
Wandern ist nämlich gar nicht so einfach.

Aber wir sind nicht allein. So halten wir uns inwendig warm.

Inwendig warm Tag 29

22.Aug.2013

Mücke nach Hungen, 23 Kilometer
Alles Käse

Das Schlimmste am Wandern ist das Aufstehen. Jeden Morgen. Volker und ich haben heute bei der Diakonie genächtigt. Die Einrichtung Hephata in Treysa hat uns kostenlos zwei Zimmer zur Verfügung gestellt. Karin Fuchs, die im Empfang arbeitet, hat extra unseretwegen Überstunden gemacht, weil wir zur Schlüsselübergabe nicht rechtzeitig vor Ort waren. Schuld daran war – ganz klar – Andreas Krumbeck, der einfach einen Riesenumweg gefahren war, um mich zu besuchen.
(Ich stehe noch immer unter dem Eindruck dieser netten Geste)

Deshalb luden wir Karin, als Geste der Entschuldigung, zu einem kleinen Umtrunk ein. So fuhr uns Frau Fuchs dann in den Specht. So heißt die Pinte, deren Wirt wir bereits bei der Wanderung nach Schwalmstadt kennenlernten. Karin holte auch noch Corinna Otto hinzu, der wir die Organisation mit den Zimmern zu verdanken hatten. Die beiden erzählten uns von der beeindruckenden Einrichtung der Diakonie. Deshalb wurde es wieder einmal spät und ich wieder einmal müde.

Corinna, die eigentlich frei hat, will uns heute die Werkstätten zeigen. Wir frühstücken gemeinsam und dann geht es vorbei an der Gärtnerei, dem hauseigenen Friedhof (es ist an alles gedacht) in die Werkräume. Wir können aus Zeitgründen nur eine Stippvisite machen. Ich muss ja noch auf die Piste.
Alle Mitarbeiter verrichten Arbeiten, teilweise auf hohem Niveau, je nach Fähigkeit bzw. Beeinträchtigung. Ich verinnerliche für Nicos Farm schon mal die eine oder andere Möglichkeit des Abkupferns.

Wir müssen los, die Zeit drängt. Ein herzliches Dankeschön an Corrina, die verspricht, in Frankfurt dabei sein zu wollen. Wir kommen wieder in Mücke an und ab geht die Post, direkt durch den Wald. Bergauf, wie immer. Aber dann geht es aber auch endlich einmal richtig bergab. Nico ist nicht dabei
(hallo Behörde!) und so kann ich den Rolli für die Schussfahrt nutzen. Ich setze mich einfach rein und abbi geht’s. 10 % Gefälle in einem kleinen Ort. Mit wehendem Haar sause ich an einer Radarfalle vorbei. Vorsichtshalber bremse ich bisschen ab. Ärgere mich aber im nächsten Moment. Das wäre doch ein tolles Foto für die Berichterstattung. Aber ich habe ja kein Nummernschild und so wäre die Halterermittlung vielleicht doch bisschen umständlich.

Ich komme in Hungen an. Volker sitzt bereits in der Käserei, einer Erlebnisgastronomie. Der ist immer vor mir da. Wie Hase und Igel. Wir haben dort eine Einladung zum Essen und Trinken erhalten. Das Essen ist vorzüglich. Das Trinken auch. Nach und nach treffen weitere Gäste ein. Presse ist auch schon da. Fotoshooting, Interviews. Frage nach Nico. Was hat er denn? Zerebralparese, mehrfach schwerstbehindert. „Aha! Na, dann gute Besserung!“

Endlich lerne ich Melanie kennen. Wir haben so oft schon telefoniert und Mails geschrieben. Sie arbeitet für Gooding, ein Netzwerk, das Vereine und Projekte unterstützt. Sie hat, gemeinsam mit Volker, die Organisation für den Raum Frankfurt übernommen. Und zwar mit einem Engagement und den entsprechenden Erfolgen, dass mir Angst und Bange wird, wenn ich am Samstag nach Frankfurt komme. Ein riesen Dankeschön an Melanie, Maximiliane, die in Hamburg die Fäden gezogen hat, Felix und Gooding. Tolles Team. Siehe auch www.gooding.de

Wir sitzen mit dem Bürgermeister am Tisch, jeder erzählt ein bisschen. Die nette Bedienung referiert über die unterschiedlichen Käsesorten, die sich einige zum Nachtisch bestellt haben. Eine liebe Dame überreicht mir eine Geldspende vom Verein Bürger helfen Bürger. Die Runde ist klein, aber fein.

Zeit zum Aufbruch. Ich mache mich auf den Weg zum Wohnwagen, der in Friedberg steht.
Alt werde ich heute nicht mehr. Der Weg ist schwer!

Aber wir sind nicht allein. So halten wir uns inwendig warm.

Inwendig warm,Tag 28

21.Aug.2013

Kirtorf nach Mücke, 21 Kilometer
Empört Euch – wehrt Euch – engagiert Euch!

Das Wetter ist nicht schön. Eine freundliche Umschreibung für: es gießt, wie aus Eimern. Nur mit einem Auge blinzle ich aus dem Wohnwagenfenster. Alles ist grau in grau. Wo kriege ich jetzt eine AU her? Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Ich fürchte, es nützt nix. Ich rolle meine müden Knochen aus dem Bett. Eigentlich hätte ich gestern den Wohnwagen nach Friedberg verholen sollen.

65 Kilometer (zusammengenommen) Autobahnstau haben mich daran gehindert. Volker hat mir nun angeboten, den Wohnwagen in den neuen Standort zu ziehen. Ich fürchte, es ist ihm nicht wohl dabei, ein Einfamilienhaus hinter sich her zu ziehen. Bis Kirtorf übernehme ich. Danach – nach mir die Sintflut. Armer Volker. Zuvor habe ich aber noch ein größeres Problem: der Schlüssel für das Haus, den mir Uwe anvertraut! hat, ist futsch. Ich stelle den gesamten Wohnwagen auf den Kopf. Futsch bleibt futsch. Das kann nicht sein, ich habe noch nie Schlüssel verloren. Von Insidern erwarte ich absolute Diskretion.

Ein paar Tage später werde ich ihn wiederfinden. (ich bin ja mit meinen Berichten in Verzug, darum weiß ich das schon heute ) Unter dem Magneten der Taschenlampe blieb er kleben. Bei mir kommt nix weg.

Wir treffen in Kirtorf ein. Der Bürgermeister kommt, bringt ein paar Abgesandte mit. Es ergibt sich abermals ein netter Gesprächsaustausch. Wir erfahren auch, dass es Probleme mit den Nazis gibt. Aber die engagierten Bürger wissen sich zu wehren. Auch die Themen Behinderung, Pflege, Solidarität, sind bereits im Bewusstsein eingebrannt, so dass ich auch hier offene Türen einlaufe.

Ich verabschiede mich nun, quer durch die Wälder. Ich habe ein bisschen Zeit zum Nachdenken. Mehr als die Hälfte an Zeit und Kilometern habe ich bereits hinter mir. Neulich hatte ich bereits Bergfest. Also, Zeit für ein Resümee: In jedem Interview lautet die erste Frage nach dem Warum. Das ist einfach zu beantworten:
Aus Liebe zu meinem Jungen!
Was wird aus ihm, wenn mir der liebe Gott die Lichter auspustet? Auch Nico wird einmal alt sein. Aber er wird auch behindert bleiben. Alt u n d behindert!

Fussek hat gerade ein neues Buch herausgegeben: „Es reicht!“ Fussek ist ein Experte, der die Pflegesituation ganz genau kennt. Ich finde auch, dass es reicht. Aber was sollen wir tun? Ja, genau – wir! Das geht uns nämlich alle an. Jeder von uns wird irgendwann im Leben mit Pflege konfrontiert werden. Wenn der Partner ausfällt, oder die Oma, oder die Mama oder… Jeder!

Am Beispiel der Antiatomkraftbewegung können wir lernen, dass die Politik nur dann in die Gänge kommt, wenn sich der Zorn der Bevölkerung der Politik gegenüberstellt. Dann fallen Atommeiler, dann fallen Grenzen.
Wir sind das Volk! Die DDR gibt es nicht mehr. Warum? Weil Menschen protestiert, sich empört haben!
Aber wo sind sie geblieben? Die, die ihre Füße in den Dreck stemmten? Leute! Das geht uns alle an!

Und darum wandere ich meckernd durch Deutschland. In der Hoffnung, zu sensibilisieren, zur Empörung zu ermuntern, Mut zu machen, sich zur Wehr zu setzen. Aber auch – ganz wichtig – sich zu engagieren.

Genug der Empörung. Ich erreiche Mücke. Volkers Neffe betreibt dort einen REWE-Markt. Er hat bereits für einen wunderschönen Empfang gesorgt. Es gibt sie also doch. Seine Mitarbeiterinnen haben Kuchen gebacken. Ich sitze dort und falle über den leckeren Kuchen her, als sich eine Gestalt vom Parkplatz auf unsere Kuchenidylle zu bewegt. Kommt mir echt bekannt vor. Das Lachen kenne ich. Der sieht genau so aus, wie ein alter Freund von mir.
Inzwischen steht er vor mir. Nee, das glaub ich einfach nicht. Er ist es tatsächlich: Andreas. Jahre nicht gesehen. Er hat unsere Aktion verfolgt. Facebook sei dank. Andreas erzählt, dass er im Außendienst sei, gerade aus Essen kommt und nun meinetwegen, unseretwegen, der Sache wegen,- einen Umweg von mehreren hundert Kilometern gemacht hat, um uns – mich zu begrüßen.

Ich lass das jetzt einfach mal so stehen. Einen lieben Gruß sende ich an seine Frau Heike und an seinen Sohn. Heißt der Linus? Linus, wenn das nicht stimmt, nicht böse sein, ok?
Ich freue mich sehr, dass Dein Pabba hier war. Das allein zählt!

Wir sind nicht allein. Das war der Beweis! So halten wir uns inwendig warm.

Inwendig warm, Tag 27

21.Aug.2013

Schwalmstad nach Kirtorf, 23 Kilometer
Big Brother is Watching You

Es ist Samstag. Die Bürger ruhen aus vom Alltagsgetriebe. Schwalmstadt liegt noch im Dornröschenschlaf. Bevor wir noch schnell nach Hamburg fahren (um Nico etwas Ruhe zu gönnen), wandern wir noch schnell eine Etappe bis nach Kirtorf. Heide, die Linke von Schwalmstadt erwartet uns bereits auf dem Marktplatz zur Verabschiedung. Es ist wohl ein Virus. Eigentlich wollte sie nur verabschieden. Eigentlich. Na gut, vielleicht paar Meter… Ihr Kollege aus dem Gardinengeschäft – oh, ich hasse es, wenn ich Namen nennen muss – ich nenne ihn Karl Otto, einfach so für mich – hat mir eine schöne Strecke gegoogelt. Einen Fahrradweg. Querfeldein.

Die beiden kommen mit. Gegen ihren Willen. Wir quatschen uns fest und so merken sie gar nicht, dass ich sie schon lange über die Berge gequatscht habe. Es geht bergauf und bergab. Aber meistens bergauf. Die Sonne brennt mal wieder erbarmungslos. Der Radweg entpuppt sich als ein Schotterweg mit spitzen Steinen. Wenn wir jetzt einen Plattfuß kriegen, könnte es sich sehr unangenehm auf meine seelische Robustheit auswirken.

Mir tropft der Schweiß von der Stirn, direkt in die Augen. Die fangen an zu brennen. Ich bin bisschen neidisch auf die Augenbrauen von Theo Waigel. Da leckt nix durch. Bei Gelegenheit werde ich wohl mal ein Stirnband käuflich erwerben. Ist auch viel schicker als Theos Augenbrauen.

Wasenburg kommt in Sicht. Ein schöner kleiner Ort für einen Stopp. Eigentlich ist der Ort ziemlich langweilig. Aber Stopp ist immer gut. Nach einem Apfelwein – ich bin immer noch nicht im Äppelwoi-Land – Heide trinkt ihn sogar mit Brause, aber ich will ja lustig werden – verabschieden wir uns und Nico und ich traben alleine weiter.

Ein unangenehmer Geruch dringt in meine Nase. Ist das Bauer Piepenbrink, der wieder mit seinem Gülle-Truck…? Oder ist das etwa….???? Nico kann nämlich zaubern. Er kann machen, dass die Luft schlecht riecht. Ich gucke mal nach. Oha. Okay, Boxenstopp!

Nach vielen Auf und Ab’s erreichen wir endlich Kirtorf. Wir wollen nun schnell nach Hamburg sausen. Nico muss sich wieder ein paar Tage von mir erholen. Kraft schöpfen für die letzte große Etappe von Frankfurt bis zum Bodensee. Aus logistischen und nachvollziehbaren Gründen, ist eine Auszeit in Hamburg aufgrund der Entfernungen nicht mehr möglich.

Achtung – Sozialbehörde Hamburg! Ich habe erfahren, dass ihr an der Wanderaktion großes Interesse habt. Ihr verfolgt uns im Internet. Heimlich. Nico geht also wieder für ein paar Tage in die Tagesförderung. Ab dem 23. bis ungefähr 15.9. ist er dann bei mir und mit mir auf Tour. Nur für euch zur Information. Ihr müsst nun nicht mehr alle Berichte durchlesen. Habt doch noch ` ne Menge anderer Dinge zu tun. Ablehnungen schreiben zum Beispiel.

Am Sonntag fahre ich dann wieder schnurstracks zurück, um den Wohnwagen in die nächste Etappenregion zu bringen. Deshalb hinke ich mit der Berichterstattung auch immer paar Tage hinterher. Ich hoffe, Ihr seid mir nicht böse.

Wir sind nicht allein. So halten wir uns inwendig warm.
Euer Arnold

Inwendig warm, Tag 26

18.Aug.2013

Homburg Efze nach Schwalmstadt, 32 Kilometer
Ihr Kinderlein kommet …

„Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen….“ Ist das süß! Nico wird von einer Schar gelbgekleideter Kita-Zwerge umringt. Sie begrüßen ihn inwendig warm, reichen ihm ihre kleinen Hände. Mr. Wichtig genießt das Bad in der Menge und freut sich wie Bolle. Und nun singen sie ihm dies schöne Lied. Es gibt so viele schöne Begegnungen auf unserer Wandertour, die in der Erinnerung haften bleiben werden. Dieser Moment gehört mit Sicherheit dazu.

Von unserer neuen Freundin Doris bekommt Nico noch einen großen Kuschelbär in den Arm gelegt. Und sofort beginnt er zu kuscheln. Im Wechsel mit Lina, dem kleinen Hündchen, die er sichtbar ins Herz geschlossen hat.

Die Kinder begleiten uns dann in Richtung Stadtgrenze. Im Gänsemarsch zieht eine gelbe Kolonne durch die Straßen der Altstadt. Es geht mal wieder bös bergab und ich habe alle Mühe, die Karre mit dem kleinen dicken Kind abzubremsen, während ich mich mit den Erzieherinnen unterhalte.

An einer Kreuzung heißt es ade zu sagen, die Kinder gehen fröhlich winkend in ihre Kita. Es ist anzunehmen, dass auch sie diese Begegnung in ihren Herzen behalten werden. Vier Erzieherinnen bleiben noch kurz bei mir, um mir den besten und kürzesten Weg nach Schwalmstadt zu erklären. Das ergibt dann auch vier verschiedene Varianten. Nicht nacheinander, nein gleichzeitig. Das lustige Geschnatter übersteigt meine Aufnahmemöglichkeiten. Nach einer Weile kommt etwas Struktur in die Wegbeschreibungen. Ich bekomme einen Zettel mit den Straßennamen. So kann ich mich weiterfragen. Wir verabschieden uns herzlich. In Hamburg sagt man tschüss und ich trabe, immer noch bergab, die Straße hinunter. Wie war das nochmal? Unten links, oder…?

Endlich geht es ebenerdig weiter, durch ein Industriegebiet und schön geradeaus. Zeit für einen kleinen Imbiss. Diese Süßen haben uns einen Wanderstab und einen Beutel mit Wegzehrung mitgegeben, damit wir bei Kräften bleiben. Obst, Süßigkeiten, Kekse – alles drin.

Es ist nicht nur mal wieder unerträglich heiß, es geht auch wieder bergauf. Es muss einmal gesagt werden: die Berge sind nicht barrierefrei und überhaupt nicht behindertenfreundlich! Dagegen müsste mal was getan werden. Ich creme Nico alle 15 Minuten die Lippen ein.

Nach einer langen Rast am Silbersee (den Schatz haben wir nicht gefunden) traben wir weiter über Stock und Stein bis nach Schwalmstadt. Irgendwie hat Herr Google uns entfernungsmäßig angeschmiert. Es zieht sich. Volker kommt uns ein Stück entgegen und übernimmt den Rollator. Lange hält er aber nicht durch. Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Das letzte Stück bis in die Altstadt bewältige ich dann auch ohne ihn.

Dort werden wir von einer Gruppe der Links-Partei in Empfang genommen und zum Bratwurstessen eingeladen. Nico interessiert sich besonders für einen kleinen Waschbären, der im Arm einer der Gäste kuschelt. Der kleine possierliche Bursche war als Baby wohl ausgesetzt und dann liebevoll wieder aufgepäppelt worden.

Wir müssen uns verabschieden, denn die nächste Bratwurst wartet schon. Andrea und Uwe, unsere neuen Freunde und Gastgeber laden zum Barbecue ein. Es wird ein feuchtfröhlicher Abend mit reichlich Getränkeangeboten und noch mehr Herzlichkeit. Die Auswirkungen werde ich am nächsten Morgen im Kopf zu spüren bekommen. Es macht immer tut tut…

Wir sind nicht allein. So halten wir uns inwendig warm.
Euer Arnold

Bilder hierzu findet Ihr wieder auf Facebook – inwendig warm oder Arnold Schnittger

Inwendig warm, Tag 25

17.Aug.2013

Fritzlar nach Homburg Efze, 17 Kilometer
Nudeln im Mondschein

Die alte Frau mit dem Rollator hat heute Begleitung. Eine Gruppe Nordic-Walking-Fans geht heute mit uns on the Road. Sie werden von der Diakonie betreut und sind Menschen mit Behinderungen. Ich freue mich sehr über diese Begleitung. Zuvor erhalten wir aber eine sehr herzliche Verabschiedung durch den Bürgermeister von Fritzlar, Herrn Spogat, sowie gleich mehreren Behindertenbeauftragten aus Stadt, Kreis und Land. Dann geht es steil hinab, auf der Suche nach dem geeigneten Weg. Es ist immer etwas problematisch, eine Stadt auf der richtigen Straße zu verlassen. Die Wandergruppe hat leider auch keine Ortskenntnisse. Aber wir packen das.

Die Leute haben trotz ihrer unterschiedlichen Beeinträchtigungen ein gutes Tempo drauf. Wir halten mit, keine Frage. Christopher hält mich stets am Ärmel fest. Er taucht immer wieder auf und erzählt begeistert von seinem Hobby, der Musik. Ich bin beeindruckt, was der Bursche alles drauf hat. Er spielt zahlreiche Instrumente, ich weiß nun auch was eine App ist und kenne seinen gesamten Freundeskreis. Zumindest vom Hörensagen.

Nach ein paar Kilometern erreichen wir Wabern. Hier gibt es eine Behinderteneinrichtung, von der wir zum Kaffee und Kuchen eingeladen wurden. Nico bedient sich schon mal am Kuchenbuffet, ist mit seiner Auswahl aber unzufrieden. Ich muss ein bisschen erzieherisch tätig werden. Volker, der neben uns sitzt, torpediert meine Bemühungen allerdings, so dass meine Autorität auf der Strecke bleibt.

Passt ganz gut, dass ich die Tafel verlasse, weil ich einen Einblick in die Werkstatträume erhalte. Das interessiert mich natürlich sehr. Es soll ja auf Nicos Farm auch eine Behindertenwerkstatt eingerichtet werden. Und wir wollen das Rad nicht neu erfinden. Abkupfern ist die Devise. Der Gerätepark ist ziemlich modern, effizient und sehr beeindruckend. Ein paar Nummern zu groß für uns.

Unser Konzept sieht auch andere Tätigkeiten vor. Nico, zum Beispiel, ist nicht „werkstatttauglich“. Er wird nicht produktiv arbeiten können. Was er herstellen könnte, würde im Papierkorb landen. Trotzdem hat er das Menschenrecht, eine für ihn befriedigende Tätigkeit ausüben zu dürfen. Das ist eine Frage des Respekts, der Menschlichkeit und der Wertschätzung.

Es geht weiter. Volker begleitet uns nun ein Stück des Weges. Kurz darauf kommt auch noch Uwe hinzu. Er hat für Nico lecker Eis mitgebracht. Und für uns lecker Pils. Uwe ist gemeinsam mit seiner Frau Andrea unser Gastgeber. Wir durften den Wohnwagen bei ihnen abstellen, erhalten jeglichen Komfort, pure Gastfreundschaft. Die beiden sagten, wir sollen uns wie zuhause fühlen. Ich achte sehr darauf, dass wir davon keinen Gebrauch machen. Sonst müssen wir noch mal wiederkommen, zum entschuldigen. Wir kommen natürlich sehr gern wieder. Aber nicht zum renovieren.

Uwe übernimmt mit seinem Fahrrad die Feinnavigation und sucht uns den besten Weg. Wir wollen einen Bahnübergang überqueren. Die Schranken sind zu und man muss den Schrankenwärter via Sprechtaste bitten, den Übergang zu öffnen. Volker schnackt mit ihm und lässt nicht unerwähnt, dass wir auf dem Weg zum Bodensee sind. „Na klar“, sagt der „immer den Weg runter, kommt ihr direkt zum Bodensee“.

In Lembach machen wir Etappenstop. Hier werden gerade Zelte für das bevorstehende Wochenendfest aufgebaut. Leider gibt’s nichts zu futtern. Darum beschließen wir, nach Fritzlar auszuweichen, um uns beim Italiener zu stärken. Der Italiener ist schuld, dass dieser Bericht nun mit
Verspätung erscheint. Auch der lautstarke Protest Nicos – umgangssprachlich für „zack, zack“ (ich habe nun leichten Hörsturz), konnte nicht bewirken, dass er auf seine Antipasti eine Stunde warten musste und die Nudeln erst nach Eintritt der Dunkelheit serviert bekam. Aber auch solche Widrigkeiten nehmen wir mit Humor.

Wir sind nicht allein. So halten wir uns inwendig warm.