Inwendig warm 2018, Tag 6, Hartz und kein Ende

Jeder Traum, an den ich mich verschwendet,
jeder Kampf, wo ich mich nicht geschont,
jeder Sonnenstrahl, der mich geblendet,
alles hat am Ende sich gelohnt.

Jede Flamme, die mein Herz gefangen
und die Sorge, die mich oft beschlich,
war’s auch schwer, so ist es doch gegangen.
Narben blieben, doch es lohnte sich.

Unser Leben ist oft schwer zu tragen
und nur wenn man auch zusammenhält,
hat man Kraft, zum Leben ja zu sagen
und zum Kampf für eine bessre  Welt.
Hannes Wader

 

Acht Uhr in der Frühe. Mein Blick fällt aus dem Fenster neben dem Bett in meiner kleinen Pension. Der Rasen vor dem Haus ist ja gar nicht mehr grün. Ich reibe mir die Augen . Grauer Star? Nee, der Winter ist wieder da. Die Natur gibt’s heute in weiß. Keine 10 Minuten nach meinem Start habe ich auch schon nasse Füße. Bloß keinen Schnupfen kriegen, weil ich dann unausstehlich werde und schrecklich leide. Zu allem Überfluss hört nun auch noch der Fahrradweg auf und ich muss auf der Straße weitergehen. Die erste Matschattacke eines viel zu schnellen Autofahrers klatscht mir gegen die Hosenbeine. Ich beschließe meinen Weg im angrenzenden Wald fortzusetzen. Ich sinke zwar auf dem weichen Boden bis über die Knöchel ein, aber wenigstens muss ich nicht befürchten, platt gefahren zu werden. Ab und zu entledigt sich zwar ein Baum seine weiße Pracht, genau in dem Augenblick, wenn ich unter ihm hindurch komme. Damit kann ich leben. Wusste bisher nicht, dass Bäume so gehässig sein können. „Inwendig warm 2018, Tag 6, Hartz und kein Ende“ weiterlesen

Inwendig warm 2018, Tag 5, „Die Liebe überstrahlt alles im Leben“

So viele Sommer mit dir verbracht,
mit dir geliebt und geweint und gelacht.
Lass uns den Sommertag heut‘ glücklich leben,
wie viele Sommer mag es noch geben?

Alle guten Dinge müssen enden,
lass uns verschenken, lass uns verschwenden.
Die Hand, die verschenkt, leert und füllt sich zugleich,
nur was wir verschenken macht uns wirklich reich.
Lass uns Glück verstreuen mit vollen Händen.
Alle guten Dinge müssen enden.

Die Tränen, der Kummer, die Niederlagen,
schlaflose Nächte, Fragen und Klagen.
Die Zweifel, die Ängste, die Sorgen und Müh’n,
Blütenträume, die nicht verblüh’n.
Gemeinsam gestanden, gemeinsam getragen,
die Tränen, der Kummer, die Niederlagen.

Die Liebe überstrahlt alles im Leben,
alle Gestirne verblassen daneben.
Die einzige Botschaft, der einzige Sinn,
die einzige Zuflucht liegt doch darin,
einander Trost und Wärme zu geben.
Die Liebe überstrahlt alles im Leben.
Reinhard Mey

So viele Sommer mit Dir verbracht …
So sieht es aus, wenn wir gemeinsam den Sommer verbringen 🙂

Wie viele Sommer mag es noch geben?

Heute gibt es jedenfalls keinen Sommer. Kalt und nass ist es. Pünktlich zum Start schüttelt Frau Holle ihre Kissen über mich aus. Frau H. kann mich aber nicht beeindrucken. Ich trabe einfach los. Von Besitz bis Tripkau sind es 26 km. Alles ist grau in grau. Die Ortschaften reißen mich auch nicht vom Hocker, versprühen den Charme der alten DDR. Und wenn ich die Ortschaften verlasse ist überall nur Gegend. Puszta und Wald. Ich kürze ab. Über einen Waldweg spare ich mir zwei Kilometer. Hier gibt es bestimmt Wölfe. Ein Freund schrieb mir, ich möge doch ein paar Tiere fotografieren. Dann würde er sicher ein paar Klicks erhalten für meine Berichte, die er postet. Ich weiß, behinderte Kinder sind nicht so der Hit. Aber vielleicht bekomme ich einen Wolf vor die Linse. Könnte allerdings auch das letzte Bild meines Lebens werden. Die Mär vom bösen Wolf ist jedoch lediglich eine Urangst der Menschen. In der Literatur gibt es keinen einzigen Hinweis, dass jemals ein Wolf einen Menschen verspeist hat. Obwohl – einmal ist ja immer das erste Mal… Aber ich bin ja nicht Rotkäppchen. Höchstens Rotbäckchen, denn der kalte Wind pfeift mir recht frisch um die Nase. „Inwendig warm 2018, Tag 5, „Die Liebe überstrahlt alles im Leben““ weiterlesen

inwendig warm 2018, Tag 4, „Anna“

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen,
was keiner sagt, das sagt heraus
was keiner denkt, das wagt zu denken
was keiner anfängt, das führt aus.
Wenn keiner ja sagt, sollt ihr es sagen
wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
wenn alle mittun, steht allein.
Wo alle loben, habt Bedenken,
wo alle spotten, spottet nicht,
wo alle geizen, wagt zu schenken
wo alles dunkel ist, macht Licht.
Lothar Zenetti

 

Wir treffen uns in Lauenburg an der Elbe: Olli, Nicilein und Anna.
Ich bin ein bisschen spät dran. Musste eben noch ein Interview für den NDR 90,3 geben. So schrecklich. Noch nicht ganz munter und in Sekunden vortragen, was mir an der Pflege in Deutschland nicht gefällt und was ich Herrn Spahn sagen würde, sollte er mich tatsächlich zum Kaffee empfangen.

Nici und family sind mit dem Wohnmobil aus Gifhorn angereist. Nici möchte mich heute bis Besitz begleiten. Anschließend wollen die drei ein paar Tage an der Ostsee relaxen. „Wo seid ihr genau“, frage ich mit dem Handy. „Ich finde Euch nicht!“ „Alte Bahnhofstraße“ simst Nici zurück. Kennt mein Navi nicht. „Seid Ihr in Lauenburg“, frage ich nochmal. „Ja, am Hafen“. „Was seht Ihr?“ „Wasser“, tönt es zurück. Endlich schnalle ich das. Sie stehen auf dem anderen Elbufer.

Wir begrüßen uns herzlich. Seit der letzten Wanderaktion im vergangenen Jahr in Hessen – „Mobil in der Region“ – haben wir uns nicht gesehen. Anna springt aus dem Wohnmobil und umarmt mich. Das ist nicht selbstverständlich. Anna ist Autistin. Berühren ist nicht so ihr Ding. Sie schenkt mir einen wunderschönen selbst gestrickten bunten Schal. Den muss ich sofort umbinden. Damit verdecke ich die Knöpfe von meinem Hemd und von meinem  Pullover. Knöpfe kann sie nicht sehen. Das macht sie wuschig. Auch die Bändsel, die von meiner Kapuze herunter hängen muss ich verstecken. So ist das bei Autisten. Das muss man akzeptieren.

Eigentlich wollte Nici mit mir wandern. Olli und Anna sollten in Lauenburg das Museum besichtigen, lecker essen und uns dann hinterher fahren. Für Nici die einzige Chance einmal kurz durchzuatmen.  24 Stunden betreut sie Anna. Rund um die Uhr. Anna ist eine liebenswerte junge Dame mit strahlenden Augen. Aber sie benötigt ständige Präsenz und Aufmerksamkeit. „inwendig warm 2018, Tag 4, „Anna““ weiterlesen

inwendig warm 2018, Tag 3, Einsamer Wanderer

Wenn für mich kein Tag mehr kommt
und es trennt uns der Horizont,
lehn dich an, weil mein Herz nicht schlagen kann,
wenn es dich nicht tragen kann.
Und ich schwör dir,
du wirst mir nie zu wenig.
ich gehör dir,
wenn nicht für immer, dann wenigstens ewig.
Eine Sekunde ohne dich geht nicht.
Wenn nicht für immer, dann wenigstens ewig.
Denn durch dich lebe ich – Ewig!
Maffay

 

Es ist lausig kalt. Heute geht es von Hamburg Bergedorf nach Lauenburg. Immer an der Elbe lang. Die Gruppe ist sehr überschaubar. Die kleinste Polonaise der Welt. Ein Wanderer mehr und wir könnten uns an den Händen fassen, einen Kreis bilden. So latsche ich einfach alleine los. Hat auch viele Vorteile: ich kann nach Herzenslust singen, La Paloma pfeifen – Klappskalli ist nicht bei mir. Er hält sich immer provokativ die Ohren zu, wenn ich singe. Meint stets, die ungesungenen Lieder sind die schönsten. Es ist auch preiswerter. Wenn wir im Sommer wandern, laufen wir immer von Eisdiele zu Eisdiele. Denn Nico frönt regelmäßig jubelnd seiner Leidenschaft für kulinarische Freuden. (siehe Foto)  Und an seinem äußeren Erscheinungsbild geht der Dauerappetit nicht spurlos vorüber. So ist es nicht schlecht, dass er wegen der noch kalten Jahreszeit in diesen Wandertagen lieber von seiner Mama versorgt wird. Allerdings ist es zu befürchten, dass sie mit Blaubeerpfannkuchen diesen günstigen Umstand mit ihrer Mutterliebe wieder zunichte macht. „inwendig warm 2018, Tag 3, Einsamer Wanderer“ weiterlesen

Inwendig warm 2018, Tag 2 „Komm, wir gehen mit der Flut …“

Und ist’s auch nicht ganz angenehm
und stünd ich ganz allein
Ich möchte wieder widerstehen
und weiterhin verwundbar sein.
Konstantin Wecker

 

Ein paar Gedanken:

Vergangene Woche rief mich eine alte Dame an. Sie war sehr verzweifelt und weinte. Ihre Tochter, 40 Jahre alt, sei Autistin, sagte sie. Sie lebt in einem Altenpflegeheim bei Hamburg. Weil ihre Tochter sehr umtriebig ist, werde sie nachts an ihr Bett gefesselt. Ohne eine richterliche Genehmigung. Das Personal ist völlig überfordert, denn nachts gibt es nur zwei Pflegerinnen für 50 Bewohner. Und die sind auch noch auf zwei Gebäude verteilt. Manchmal, so sagt sie, nässt sich ihre Tochter ein. Dann liegt sie stundenlang in ihren Ausscheidungen. Jeden Tag besucht sie ihre Tochter. Die Heimaufsicht möchte sie nicht einschalten. Sie befürchtet, Nachteile für ihre Tochter, denn das Heim hatte bereits damit gedroht, den Pflegeplatz zu kündigen. Dann wüsste sie nicht mehr, wie es weitergehen würde.
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Tag 1 von Hamburg nach Berlin, „ich bin dann mal weg“

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt
und der uns hilft, zu leben
Hermann Hesse

Von heute an stelle ich jeweils ein kleines Gedicht an den Anfang meiner Berichte, weil ich nicht nur mit geballter Faust meckernd nach Berlin ziehen, sondern auch auf die schönen und sinnlichen Dinge im Leben hinweisen möchte. Dinge, die wir so oft vergessen, sie nicht sehen, weil die Sorgen und Nöte uns den Blick versperren. Die Blüte am Wegesrand, der Sonnenblitz im Weinglas, sie alle wollen uns zeigen, wie wunderbar das Leben ist.

Heute war es auch wieder wunderbar: viele liebe Menschen sind gekommen, um mich zu verabschieden, mir Glück und Kraft zu wünschen. Ich möchte Mut machen, zur Empörung aufrufen: beschwert Euch! Wehrt Euch!
Aber auch Ihr macht mir Mut. So weiß ich, der oft an sich selber zweifelt, dass ich doch nicht so ganz bekloppt bin, wenn ich mir die Füße wund laufe.

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Ich biete Ihnen einen Praktikumsplatz an, sehr geehrter Herr Spahn:

Versorgen Sie einen Tag lang meinen Sohn!
Windeln, feuchte Tücher und Gummihandschuhe sind im Lieferumfang enthalten.
Sie sagen, wir sollten den Sozialstaat schätzen. Richtig! Machen wir auch. Vielleicht schätzen Sie nach einem Tag mit meinem Sohn sogar die Arbeit von pflegenden Angehörigen.
Morgen ist der Start auf dem Hamburger Rathausmarkt.
Geht pünktlich los. Fünf Minuten vor zwölf. Denn Zeit ist schon genug verschenkt.
Was ich noch sagen wollte: Wenn Sie mit ihm Essen gehen, geben Sie bitte nicht mehr als 4,27 € aus. Das ist er so gewohnt.

Wanderroute und Termine

24.3.  Rathausmarkt Hamburg  5 vor 12          Bergedorf                   18 km
25.3.  Sonntag – sonntags immer frei, keine Wanderung
26.3.  Bergedorf                                                           Lauenburg                  27 km
27.3.  Lauenburg                                                          Besitz                            23 km
28.3.  Besitz                                                                   Tripkau                          26 km
29.3 . Tripkau                                                                 Lenzen                          28 km
30.3.  Lenzen                                                                 Wittenberge              24 km
31.3.  Wittenberge                                                      Wilsnack                       17 km
01.4.  Sonntag – keine Wanderung
02.4.  Wilsnack                                                              Stüdenitz                     26 km
03.4.  Stüdenitz                                                             Friesack                       31 km
04.4.  Friesack                                                               Nauen                            27 km
05.4.  Nauen                                                                   Spandau                       25 km
06.4.  Spandau                                                              Brandenburger Tor  13 km
07.4. (hoffentlich) großes Treffen mit vielen Betroffenen und  Freunden vor
dem Brandenburger Tor

2018 – Es geht wieder los

Es ist wieder soweit: Anlässlich der Neuauflage der GroKo, unter Missachtung einer würdevollen Pflege in Deutschland, gibt es auch in diesem Jahr wieder eine „INWENDIG-WARM-AKTION“ 2018.

Wenn Nico lacht,
Ich weiß nicht, was ihn so glücklich macht,
Ich weiß nur, die Sonne geht auf, wenn Nico lacht,
Es klingt wie die Arie der Königin der Nacht,
es klingt wie Mozart,
wenn Nico lacht

(frei nach Reinhard Mey)

Und ich möchte, dass es so bleibt, dass Nico lacht. Die Pflege muss sich ändern, muss besser werden. Haben sie versprochen. Und deshalb ist Jens Spahn Gesundheits- und Pflegeminister geworden.

Ich komme mal auf einen Kaffee vorbei, Herr Spahn. Wir müssen reden!

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