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Kategorie Etappe 14 – von Bielefeld nach Gütersloh

Von Bielefeld nach Gütersloh

Samstag, 15. Mai 2010

14. Etappe „inwendig warm“ Bielefeld/Gütersloh

Gestern sind Fabian und ich mit Arnolds Mess….äh, Spacemobil gen Gütersloh gestartet. Obwohl kein Stau, war der Verkehr auf der Autobahn mörderisch. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Auto- und vor allem die Brummifahrer arbeiteten hart am Prädikat „sozialbehindert“. Beliebt war bei letzteren der Trick: Blinker antippen, bis drei zählen und bei eins schon in die Kolonne der wesentlich schneller fahrenden PKW-Fahrer einscheren und gucken, was dann passiert. Klasse Spaß! Besonders dann, wenn  man feststellt, dass die eigenen Nebennierenrinden offenbar noch so erstklassig funktionieren, dass das Adrenalin schon oben aus dem Kragen raussprudelt, der Herzschlag nicht mehr messbar ist und einem der Angstschweiß in die Augen tropft. Mensch, ein Auto pro Monat in die Grütze fahren reicht mir!

Ohne weitere nennenswerte Probleme erreichte ich Bielefeld, traf dort die restlichen Farmer, die tapfer die Etappe Herford/Bielefeld absolviert hatten, Fabian bekam ein Eis und wir alle bekamen im Anschluß noch ein lecker Abendessen beim Griechen. Rund und satt hielten wir den Oberfarmer von der Berichterstattung ab, bis wir irgendwann gegen Morgen in die jeweiligen Schlafkojen torkelten.

Nach einer viel zu kurzen Nacht hieß es dann aber: aufstehen und Stullen schmieren für die Musiker, die am Nachmittag unser Bergfest in der „Weberei“ beschallen wollten. Nachdem einige Unklarheiten auf Grund der übermächtigen Übermüdung geklärt waren, ging es dann aber mit unserer Arbeitsteilung flott voran. Himmel, 35 Brötchen ergeben nicht nur doppelt so viele Hälften, man kann sich auch gleich noch im Hochstapeln üben.

Wir lagen super in irgendeiner Zeit, verließen das Haus fast pünktlich und verpassten natürlich die Bahn. Das lag aber nicht an uns, sondern vielmehr an dem „sozialbehinderten“ Bahnhof in Gütersloh, der von Barrierefreiheit wohl erst in ein paar Jahren hören wird. Als dann die nächste Bahn einrollte, wir einstiegen (Fabian im Rolli von mir in den Waggon gewuchtet wurde), erhielt Tina gleich mal einen Eindruck dessen, was Arnold und mir und vielen anderen täglich widerfährt: die totale Ignoranz der Mitmenschen. Drängte sich doch lauthals telefonierend eine ….Zugehörige meines eigenen Geschlechtes während meines/unseres Einsteigevorganges noch seitlich an uns vorbei. Ärgerlich, es funktioniert erfahrungsgemäß jedoch nicht, mangelnde Kinderstube in fünf Minuten wettmachen zu wollen.

Wir hatten dann noch eine kleinere Strecke mit der Straßenbahn bis zum Rathaus in Bielefeld zurückzulegen und es kam, wie es kommen musste: auch hier gab es wieder so einige Exemplare der Gattung Mensch, die sich gestört fühlten, weil Fabian mit seinem Rolli im Einstieg der Straßenbahn stehen musste. Ich blende solche Menschen mittlerweile gekonnt aus und nehme diese nur noch peripher wahr, aber Tina ging hoch wie das allseits beliebte HB-Männchen und wollte sich offenbar durch das Alphabet morden. Noch schlimmer fand sie, dass ich da nun so gar nichts zu sagen wollte. Wie bereits erwähnt: Lohnt nicht, Tina! Kriegst du nur ein Magengeschwür von und Mensch ändert sich dadurch auch nicht. Ich hatte halt einen guten Tag, wenn ich garstig gewesen wäre, wär die nette Dame sicher noch eine Station weitergefahren, weil ich den Eingangsbereich vollständig blockiert hätte.

Kaum aus der Bahn ausgestiegen, kam die nächste Überraschung: es regnete. Mal wieder! Trotzdem frohen Mutes tigerten wir zum Rathaus, das als Startpunkt auserkoren worden war. Gucke! Diese Menschenmassen…die NICHT anwesend waren. Wieder mal. Na, auch nix neues. Kurz dumm geschaut und neu beratschlagt, als uns zwei Damen der „Neuen Westfälischen“ zwecks Interviews und Fotos ansprachen. Also gaben wir im völlig verwaisten Biergarten besagtes Interview unter einem Riesenschirm, der eigentlich zur Beschattung Bierseeliger Mitmenschen gedacht, nun aber uns vor den Wassermassen schützen musste.

Irgendwann war das Interview beendet, der Regen jedoch nicht, also musste noch flott im örtlichen K-Stadt eine Regenpelle für den Zwerg erstanden werden. Auch hier bewundernswert die nicht vorhandene Barrierefreiheit. So musste Fabian also draußen warten.

Als diese Aufgabe abgehakt war, ging es dann aber zügig los, immer der B 61 folgend. Im Dauerregen. Hervorragend.

Wie durch ein Wunder erreichten wir dennoch pünktlich Gütersloh und die „Weberei“, wo uns dank riesigen Vorbericht in der „Neuen Westfälischen“ ….kein frenetischer Jubel und keine Menschenmassen erwarteten. Miste! Der Ben hat sich so ins Zeug gelegt und organisiert und dann das!? Wir sind mittlerweile Kummer gewöhnt, aber mir blutete wegen Ben und den Künstlern doch arg das Herz. Aber was soll´s? Behandeln wir es als Generalprobe, die muss ja schließlich in die Hose gehen, richtig?

Trotz der mangelnden Menschenmassen wurde es aber doch noch eine tolle Feier mit erstklassiger Musik. Die Kids hatten Spaß und Waffelhunger. Bitte, geht doch!

Zurück bleibt heute neben der üblichen inwendigen Wärme auch ein großes Stück Ernüchterung. Nicht nur auf Grund der mangelnden Beteiligung an Mitwanderern, sondern weil uns erneut vor Augen geführt wurde, welchen Stellenwert behinderte Kinder in unserer Politik haben.

Im Vorfeld zu dieser Wanderaktion haben wir über 700 Briefe an Vereine, Institutionen und Parteien entlang der Etappen versendet, um auf unsere Wanderung und unser Anliegen hinzuweisen. Groß war unsere Enttäuschung, als wir – müde, frierend und hungrig – in Gütersloh einliefen und uns große Plakate empfingen, die auf ein Kinderfest, organisiert durch die örtliche SPD, hinwiesen. Auch die SPD hat so einen Brief erhalten und hätte eigentlich vermuten müssen – oder  besser befürchten, wir kämen mit vielen behinderten Kindern nach Gütersloh gewandert. Möglicherweise war diese Sorge Grund für die fehlende Einladung zu diesem Fest.

Nun hocken wir hier in Torbens Küche mit 3 (!!!) Laptops auf dem Küchentisch, hören „Maggers United“ im Onlineradio, schlabbern Bier und fiesen Rotwein, rauchen den letzten Sauerstoff weg, auf das dem Oberfarmer nicht nur der Wolf, sondern auch die Augen brennen.

Bis wir in Meerbusch eintreffen werden, habe ich sicher auch die zuständige ARGE unseres Oberfarmers herausgefunden, um zu melden dass er auf Grund von immensen Waffel- und Brötchenbergen in den kommenden zwei Wochen eine enorme „häusliche Ersparnis“ erwirtschaften wird. Hunger wird er zur Abwechslung einmal nicht leiden müssen.