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Kategorie Etappe 19 – von Ahlen nach Hamm

Von Ahlen nach Hamm

Donnerstag, 20. Mai 2010

Sonne! – Ja, es gibt sie!! Ich hatte schon immer den leisen Verdacht, das hinter den Wolken… Und sogar ohne Kühlwasserleck. Na bitte, geht doch. Schönes Wandern. Mal wieder allein, aber egal – so kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen. Manchmal, wenn die Füße rund werden, frage ich mich schon mal, was ich hier eigentlich mache und vor allem, was ich damit bezwecke. Es ist primär die Sorge um meinen Sohn, die mich vorantreibt. Unbeirrbar, solange ich keine bessere Idee habe, seine Zukunft zu sichern. Es ist eine Angst, die mich sicher mit vielen Vätern und Müttern solcher Kinder verbindet. Was wird mit ihm, wenn meine Kraft bricht, ich das Wasser nicht mehr halten kann? Kann ich unserer Gesellschaft vertrauen? Kann ich Politikern, wie Herrn Westerwelle trauen? Nico hat kein Hotel. Er ist auch kein Leistungsträger, wird niemals einer sein. Er wird immer der Solidargemeinschaft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein. Er wird einen amtlich bestellten Fürsorger bekommen. Einen Betreuer, der vielleicht noch hundert weitere Klienten verwaltet. Wird der an seinem Krankenbett sitzen, wenn Nico nicht nur behindert, sondern auch noch alt und behindert ist? Wer wird bei ihm sein und seine Hand halten, wenn er stirbt? Das ist weder sentimental noch theatralisch gemeint. Es wird der Tag kommen. Punkt.
Ich kriege diese Gedanken nicht aus dem Kopf. Vor ein paar Tagen lief ein Bericht in den Nachrichten. In Hannover wurde ein 12jähriger Rollstuhlfahrer aus dem Zug geworfen. Er war mit Klassenkameraden auf dem Weg nach Goslar. Sie wollten eine Klassenreise machen. Der Lehrer hatte die Fahrt angemeldet. Ja, Behinderte müssen angemeldet werden, wenn sie verreisen wollen. Die Bahn gab das OK, die Klasse saß bereits abfahrbereit im Zug, als der Schaffner den Jungen wieder auf den Bahnsteig schickte. Kein Personal, das den Burschen in Goslar, am Zielort, aus dem Zug helfen konnte. Nun weiß ich gar nicht, was mich mehr entsetzt – die Deutsche Bahn, die ja bekanntlich auch Kinder schon mal auf offener Strecke aus dem Zug wirft, oder der Lehrer, der tatenlos zusieht, wie sein Schüler vom Zivi wieder aus dem Zug getragen wird. Die Schule hat der Bahn einen Beschwerdebrief geschrieben. Sicher scharf formuliert. Die Bahn, die leider keinen Eintrag auf ihrem Computersystem erkennen konnte, verweigerte eine Entschuldigung.
Ich denke, die Chance, den Kindern gelebte Solidarität zu vermitteln, ist vom Lehrer versäumt worden. Einer für alle, alle für Einen. Das war schon bei den Musketieren so. Entweder die Klassenfahrt knicken oder dem Schaffner die Schande nicht ersparen und das Kind eigenhändig von ihm raustragen lassen.
Wo ist diese Solidarität geblieben? Bei der Wiedervereinigung das gab es sie doch noch. Wo sind alle diese Menschen geblieben, „die noch ihre Füße in den Dreck stemmten“ (schönes Zitat von Wecker)? Ist von alledem nur der grüne Pfeil geblieben?
Menschenkette gegen Atomkraftwerke – sehr gut! Aber warum nicht mal eine Menschenkette für mehr Menschlichkeit? Für Alte und Behinderte? Das geht uns alle an! Alt werden wir alle – es sei denn, uns trifft vorher der Schlag. Und behindert können wir auch werden. In jeder Sekunde. Und dann gehören wir nicht mehr zu den Leistungsträgern dieser Gesellschaft. Dann ist vorbei mit der Selbstherrlichkeit. Und wer es nicht geschafft hat, seine Kohle rechtzeitig in die Schweiz zu schaffen, dem bleiben dann nur noch die Almosen und die Hoffnung auf eine sorgende Familie, die sich trotz entstehender Armut weigert, Oma oder Opa in ein Pflegeheim zu geben.
Die Sonne scheint immer noch, aber mir geistern solche Gedanken durch den Kopf. Wäre mit Regenschauer viel passender. Dennoch kommt kein Gefühl von Depression auf. Nur Ärger und Wut. Menschenkette – warum eigentlich nicht? Einmal rund um die Binnenalster. Mit Fackeln in der Hand. Als Symbol von Wärme und Licht (wo alles Dunkel ist, macht Licht – auch von Wecker  ) Schon gut, ich weiß, wer gerade alles zusammenzuckt und die Augen verdreht  Ich werde es behutsam angehen, um Euch nicht zu verschrecken…..