„Herr Spahn ich komme wieder“

Offener Brief an pflegende Angehörige

Liebe pflegende Angehörige,

er ist zurück: Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt. Rosinante hat er eingetauscht gegen einen Rollstuhl. Sancho Pansa heißt nun El Nico. So standen wir da – einsam, vor dem Eingang zum Gesundheitsministerium – zwei traurige Gestalten und lasen Briefe von pflegenden Angehörigen vor, die niemand hören wollte. Es war absehbar, aber, dass lediglich eine Mutter eines behinderten Sohnes der Lesung beiwohnte, war doch erstaunlich.

Sie, die ihren Sohn rund um die Uhr betreut, hatte sich ein paar Stunden „frei gehalten“, ihr Mann hat dafür einen Urlaubstag genommen. Soll heißen, es geht, wenn man es nur will.

Wie die beiden Polizeibeamten, die aufpassen mussten, dass ich nicht randaliere, mir mitteilten, „schlich“ sich der Gesundheitsminister hinterrücks an uns vorbei und verschwand im Foyer des Ministeriums. Das war natürlich zu erwarten. Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass er so einer Aktion beiwohnen würde. Es war auch nur eine Journalistin vom NDR mit Kamera dabei. Viel zu wenig Presse also um sich mit ein paar floskelartige Mantras in Szene zu setzen.

So sagte mir sein Pressesprecher, der auf Anfrage kurz herauskam – aber kein Interview geben wollte, nicht einmal beim Gespräch mit mir gefilmt werden durfte, dass man derartige Einzelaktionen nicht bedienen könne. Sonst käme jede Woche so einer wie ich. Dann käme der Minister ja gar nicht mehr zum Arbeiten. Das verstehe ich selbstverständlich. Obwohl – das wäre ja auch eine Lösung  🙂

Viel erschreckender war allerdings die Aussage, dass es in dieser Legislaturperiode keine weiteren Erleichterungen für pflegende Angehörige geben wird. Wir pflegende Angehörige sind bereits in der letzten Amtszeit durch das Pflegestärkungsgesetz etc. ausreichend und in Milliardenumfang versorgt worden.

Es wird definitiv nichts geben!

Vor zehn Jahren habe ich aus Sorge um die Zukunft meines Sohnes den gemeinnützigen Verein „Nicos Farm e.V.“, ein Wohnprojekt für Eltern mit behinderten Kindern, gegründet. Zehn Jahre habe ich mich bemüht, die Probleme von pflegenden Angehörigen, insbesondere von Eltern mit behinderten Kindern auf die Straße zu tragen.

Zeit, einmal Bilanz zu ziehen:

Mehrfach bin ich mit Nico durch Deutschland gewandert. Einmal sogar in voller Ausdehnung, 1100 Kilometer von Flensburg bis zum Bodensee, auf dem Jakobsweg usw. Außer mich selbst habe ich nicht viel bewegt. Ich konnte viele Politiker sprechen, es gab unglaublich viele Medienberichte, sogar Fernsehbeiträge. Aber das erhoffte Feedback blieb aus. Ich hatte gehofft, eine Lawine loszutreten. Eine Bewegung in Gang zu setzen, die sich verselbständigt. Wollte ein Feuer entfachen. Heute muss ich rückblickend sagen, dass ich grandios gescheitert bin. Es gibt noch immer keinen Sturm der Entrüstung.

Das professionelle Pflegepersonal macht es, wie ich finde (endlich) goldrichtig. Mit Demonstrationen und Trillerpfeifen wird der Gesundheitsminister aufgefordert, diesen unerträglichen Pflegenotstand zu beenden. Voller stolz zeigte mir dann auch sein Pressesprecher Bilder auf dem Handy von der letzten Demonstration in Düsseldorf, „der sich Herr Spahn gestellt hat“. Deshalb wird sich in dem Bereich auch einiges tun. Ob die vollmundig angekündigten Verbesserungen erfolgreich sein werden, sei mal dahingestellt.

Und was ist mit uns, den pflegenden Angehörigen?

Wenn wenigsten 30 Rollifahrer den Eingang zum Ministerium mit angezogener Handbremse blockiert hätten. In einer Stadt, wie Berlin, könnte so ein Minimalwiderstand doch zu machen sein. Deshalb blieb die Lesung eine etwas lächerlich anmutende und wenig beeindruckende Aktion. Die schlimmen Beiträge – Lebens- und Leidensgeschichten, die ich erhalten habe, von Menschen, die ihre Angehörigen pflegen, wären es wert gewesen, in den Fokus der Öffentlichkeit zu gelangen.

Diese Zeilen sind keine Schelte wegen fehlender Unterstützung. Wie käme ich dazu? Mich hat niemand gebeten, dies alles zu tun. Das wäre auch anmaßend von mir. Und ich weiß doch auch genau, wie viele von Euch körperlich und psychisch am Limit sind, überhaupt keine Kraft mehr haben, Widerstand zu leisten. Und, dass aus München oder sonst wo niemand anreist um seinen Protest auszudrücken, ist doch auch sonnenklar. Aber es muss doch von den vielen Millionen pflegender Angehöriger ein paar Hunderttausend geben, die noch aufstehen und eine Trillerpfeife bedienen können.

Es gibt fast eine Million behinderte Kinder in Deutschland. Das bedeutet, dass es vier Millionen Großeltern gibt, denen das Wohl ihrer Enkel am Herzen liegt. Ebenso Brüder, Schwestern … von Angehörigen. Das sind doch auch Betroffene! Das ist eine geballte Macht! Die haben Kraft!

Und was ist mit den scheinbar Nichtbetroffenen?
Ihr seid die Betroffenen von morgen!

Wo seid Ihr?

Ich habe nicht das Recht Kritik zu üben. Das ist auch überhaupt nicht meine Absicht. Ich mache diese Aktionen für meinen Sohn. Ich sage nur, wenn WIR nicht laut werden, wenn WIR uns nicht empören, uns beschweren und zwar in einer angemessenen Lautstärke, dann werden WIR dieses Elend weiter tragen müssen. Dann haben wir verloren! Wir haben fast niemand, der unsere Interessen vertritt. Also müssen wir es selbst tun. Auf humane Pflege zu hoffen, auf Menschlichkeit, das ist nur noch ein Traum.

Welchen Stellenwert die Menschlichkeit – oder sollte ich lieber sagen“ die Menschenverachtung“ – in Deutschland inzwischen erreicht hat, sehen wir an dem traurigen und erbärmlichen Umgang mit geflüchteten Menschen. Menschen, die, wie die Ratten im Mittelmeer ersaufen, jucken unsere Politiker überhaupt nicht mehr. Menschlichkeit ist hierzulande nur noch ungern gesehen. Retter werden vor Gericht gestellt und Geflüchtete in die Konzentrationslager von Libyen zurückgedrängt. Lager, in denen Frauen vergewaltigt werden. Menschen, die nichts getan haben, außer vor Mord und Elend zu fliehen, werden inhaftiert. Nebenbei werden voller unerträglichem Zynismus Kreuze an die Wände genagelt, um unserer christlichen Werte zu symbolisieren.

Christen sind wir schon lange nicht mehr.

Da müssen WIR uns nicht einbilden, die Sorgen um UNSERE Lieben, die Armut, die mit der Pflege einhergeht, könnte uns von dieser Politik, von DIESEN Politikern genommen werden.

Wir sind alleine, wenn wir nicht aufstehen!

Man nennt uns „stille Helden“. Um uns ruhig zu stellen. Und um Kosten zu sparen, erhalten wir das verbale Verdienstkreuz. Was für eine Verarschung!

Wir sind Menschen voller Liebe, aber keine Helden.

Und wir sollten aufhören, still zu sein!

Ich bin noch immer auf der Suche nach einem Martin Luther King – „I have a dream“, der mitreißt, die Massen mobilisiert, Mut macht …. Aber so lange uns so eine Lichtgestalt fehlt, müssen wir selber tätig werden.

Also:
Mein Appell – kämpfen wir für das, was wir lieben! Gehen wir auf die Straße! Empören wir uns! Beschweren wir uns!

Tun wir uns zusammen! Bewegen wir uns!

Euer Arnold

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