inwendig warm 2018, Ankunft „Ein Fazit“

Kein Ende in Sicht,
den Anfang verprasst,
dazwischen viel Tränen und Schmerzen.
Den Sinn dieses Daseins
kein bisschen erfasst,
doch immerhin reicher im Herzen.

Nichts Großes erreicht,
keine Orden, keine Yacht,
dazwischen noch Tränen und Schmerzen.
Vom Reichtum beschämt,
von der Macht nur verlacht,
doch immerhin reicher im Herzen.
Konstantin Wecker

Vielleicht hat der eine oder andere Leser meine letzte Etappe von Spandau zum Brandenburger Tor in den Medien verfolgt. Bereits am Alex wurden Nico und ich von zwei Filmteams und einer weiteren Journalistin in Empfang genommen und bis zum Ziel begleitet. Nico hatte reichlich Spaß an den Dreharbeiten. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich – es ist nicht „meine Welt“ ständig Interviews zu geben. Am Brandenburger Tor angekommen warteten bereits zahlreiche Fotografen, Teams, mit und ohne Mikrofon, Radiosender, ntv und belagerten uns sogleich.

Zaklin Nastic, die Bundestagsabgeordnete, die menschenrechtspolitische Sprecherin der Linken, nahm uns erst einmal herzlich in die Arme. Ich kenne Zaklin aus ihrer Hamburger Zeit  und weiß um ihr Bestreben nach sozialer Gerechtigkeit.

Nach diesem, für mich überwältigenden Empfang und unzähligen Interviews gingen wir gemeinsam zum Bundesministerium für Gesundheit. Kalle Kunckel, von der Initiative „mehr Krankenhauspersonal, hatte unmittelbar vor der Tür zum Ministerium eine Kundgebung organisiert. Eine Kaffeetafel mit besonderer Einladung für den Minister, und einem eigens zur Verfügung gestellten Stuhl. Er hätte nicht stehen müssen.

Bedauerlicherweise blieb der Stuhl leer. Nach meiner recht unhöflichen Selbsteinladung – „ich komme auf einen Kaffee vorbei!“ habe ich nichts anderes erwartet. Aber es geht ja nicht um mich. Versammelt waren zahlreiche Pflegekräfte, Vertreterinnen vom Bündnis „care revolution, der Initiatorin der bundesweiten Initiative pflegender Angehöriger „wp“, Frau Dr. Hanneli Döhner etc. Sie alle hätten es verdient gehabt, ein Mindestmaß an Wertschätzung von einem Vertreter des Ministers oder dessen Vertreters oder dessen …zu erhalten. Unser Plakat von Katja Berling – „Wir müssen reden!“ hat Herr Spahn  mit einem schönen Gruß von Nico, über den Pförtner trotzdem erhalten.

Ziel meiner Aktion war ja eigentlich während der Wanderung zu informieren und ein bisschen aufzurütteln. Über den Pflegenotstand, dem sich ja nun niemand mehr entziehen kann, zu berichten. Unzählige Zeitungsmeldungen liegen darüber vor, Bücher, geschrieben von Experten, Brandbriefe aus den Reihen der Pflegeberufe. Sie alle zeugen von dieser katastrophalen Entwicklung.

Mit meiner Aktion habe ich dem Grunde nach Jens Spahn instrumentalisiert. Die unsympathischen Äußerungen zu sozialen Themen, die Sau, die er jede Woche mit neuen Debatten durchs Dorf treibt, habe ich schamlos zum Anlass genommen, um auf die Pflege aufmerksam zu machen. Auf dem Plakat, das ich vor mir her schob, hätte eigentlich Frau Merkel gehört. Sie hat es in 12 Jahren Regierung nicht fertig gebracht, die Pflege menschenwürdig zu gestalten.

Nun hat sie auch noch aus machtpolitischem Kalkül einen Banker zum Gesundheitsminister  ernannt, um ihn an die Kandare zu nehmen. Nicht einmal das ist ist ihr gelungen. Hans Dampf bringt sich auf allen Feldern in Position.Somit hat sie letztendlich, trotz der zahlreichen Versprechungen vor der Wahl,die Pflege verraten. Statt menschenwürdiger Fürsorge wird es weiterhin betriebswirtschaftliches Denken geben. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Die Pflege scheint ihr ebenso wenig am Herzen zu liegen, wie die Umwelt.

Wer mich fragt, wer soll das alles bezahlen, dem sage ich, er könne mir nach seinem ersten Schlaganfall, wenn er das Wasser nicht mehr halten kann, die selbe Frage noch einmal stellen.

Aber wo sind sie, die vielen Betroffenen? Diese Kundgebung vor dem Ministerium – warum solidarisiert sich niemand mit dem Pflegepersonal? Wenn die Charité auf die Straße geht, will ich dabei sein. Denn es geht um mich! Wenn ich morgen ins Krankenhaus komme, möchte ich von freundlichem, ausgeruhtem Personal behandelt werden.

Wir nehmen es hin, dass in Altenheimen alte Menschen in ihrer letzten Lebensphase nachts ans Bett gefesselt, stundenlang in ihren Exkrementen liegen. Solche Zustände haben nicht die Pfleger und Pflegerinnen zu verantworten, die teilweise ihre Arbeit über ihre Kräfte hinaus verrichten. Pflegende Angehörige, Eltern mit behinderten Kindern, die durch die Pflege in Hartz-IV rutschen – Armut durch Pflege! Das hat einzig und allein die Politik mit ihrer Nähe zu den Lobbyverbänden zu verantworten.

Aber wo sind sie, die Betroffenen von heute und die, von morgen?

Wir sehen einfach zu und wehren uns nicht. Wir wehren uns nicht unseretwegen und wir wehren uns auch nicht für unsere Angehörigen.

Am selben Wochenende war auch eine Demonstration der Feuerwehr  angemeldet. Bei jedem Radrennen, bei jedem Marathon gehen hunderttausende auf die Straße zum Jubeln. Warum nicht, wenn die Feuerwehr auf Missstände aufmerksam macht?

Anruf bei der Feuerwehr: „meine Küche brennt!“ Antwort der Leitstelle: „das ist grad sehr ungünstig. Wir haben im Moment keine Retter. Versuchen Sie es doch in zwei Stunden nochmal.“

Wir sind alle Betroffene!

Viele „FB-Freunde“ haben mir auf meiner Wanderung mit herzlichen Kommentaren beigestanden. Ein paar Freunde sind nach Berlin gekommen um mich zu begrüßen. Das tat mir, der ich stets von Selbstzweifeln befallen war, die Aktion zum Ende zu führen, sehr gut. Dafür danke ich Euch herzlich. So konnte ich meinen Weg gehen und meckernd von Hamburg nach Berlin ziehen.

Meine Forderung an die Politik: Macht die Pflege menschlich, christlich.

Fazit:
Dies war nun meine fünfte Inwendig-warm-Wanderung. Wieder einmal nichts erreicht. Wieder einmal grandios gescheitert.
Lasst uns zusammenstehen. Nur so machen wir die Welt ein bisschen menschlicher.

Mehr weiß ich nicht!

Hier noch ein Medienbericht:
https://deutsch.rt.com/programme/der-fehlende-part/68069-aus-protest-gegen-pflegenotstand-vater-schiebt-rollstuhl-300-kilometer-von-hamburg-nach-berlin/

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.
Martin Niemöller, deutscher evangelischer Theologe

 

 

2 Antworten auf „inwendig warm 2018, Ankunft „Ein Fazit““

  1. Hallo gemeinsam,

    sehr gerne würde ich mich an Aktionen- Wanderungen etc. pp beteiligen !
    Bin Vater eine 21 jährigem schwerstmehrfachbehinderten Sohnes und von Beruf Sozialversicjerungsfachangestellter bei einer großen Krankenkasse. Mein 2 Tier Sohn arbeitet im Krankenhaus, meine Frau ist Erzieherin. Wir haben Einblick in viele Facetten unseres Sozial und Gesundheitswesens und können all Ihre Schilderungen nur absolut nachvollziehen.
    Gibts einen Newsletter oder ähnliches, wo wir auf dem Laufenden gehalten werden ?
    Gruß
    Bernd Meyer Köln

  2. Lieber Arnold,

    danke für Deine großartig Aktion! Ich habe jeden Deiner Blogposts gerne gelesen und verbreitet.

    Wenn in diesem Land über „Pflegenotstand“ und „Mißstände in der Pflege“ hingewiesen wird, dann denkt jeder automatisch an „schlechte Bezahlung des Personals“ und „schlechte Arbeitsbedingungen“………. an die vielen pflegenden Angehörigen denkt normalerweise niemand. Und wenn mal doch , dann eher mit dem Gedanken „selber schuld – sie tun das ja freiwillig“….. Zusätzlich gibt es dann noch superschlaue Sätze wie „die können die Krankheit halt nicht akzeptieren“ oder „man muss auch loslassen können“…. oder es wird den Angehörigen dann gleich ein Helfersyndrom unterstellt. Oder gar ein psychisches Problem 😉

    Dabei sind pflegende Angehörige schlicht eine wichtige Säule unseres Sozialsystems. Pflegebedürftigkeit ist NICHT an eine Behinderung ab Geburt oder an ein hohes Alter geknüpft. Pflegebedürftigkeit kann jeden einzelnen von uns jeden Moment treffen.

    Eine menschenwürdige Pflege ist nicht in erster Linie eine Frage des Geldes. Sie ist eine Frage der Liebe und Zuwendung. Unsere Aufgabe als Gesellschaft – und das sage ich als Betriebswirtin!!! 😉 – ist es, die Angehörigen zu unterstützen und ihnen den Rücken freizuhalten… von finanziellen Sorgen, von Zukunftsängsten, vor Erschöpfung. Leider haben sie keine Lobby, sondern arbeiten unerkannt und unbeachtet……..

    Ich danke Dir dafür, dass DU die Welt ein bisschen schöner und menschlicher machst. Menschen wie DU zeigen, dass ein menschenwürdiges Leben auch dann möglich ist, wenn der Lebensweg nicht perfekt und einfach verläuft. Wir brauchen nicht mehr teure Heimplätze – wir brauchen mehr Menschen, die auch Pflegebedürftigen ein Leben in der Gemeinschaft ermöglichen.

    Herzliche Grüße
    Biggi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.