inwendig warm 2018, Tag 11, „Lasst uns die Straße rocken …“

Er ist ein Mondenkind
Sagt stolz der Herr Papa
Er kann nicht Fußball spielen
Doch lächeln wunderbar
Er ist mein Himmelsglück
In dieser tristen Welt
Die meine hat er dann
Auch auf den Kopf gestellt
Und jetzt erst seh‘ ich klar
Hier läuft so viel verkehrt
Einfach normal zu sein
Das hat man uns verwehrt
Das soll uns niemals mehr
So nebenbei gescheh’n
Lass uns durch Deutschland zieh’n
Man soll uns sehen und verstehen
Los, Alter! Machen wir uns auf die Socken
Kein Bock zum Stubenhocken
Lass uns die Straßen rocken
Machen wir uns auf die Socken
Turid Müller

 

Frühling wird’s … Aber zunächst gibt es noch einen Guss von oben. So kommt das bei Feinkost –Albrecht erstandene Beinkleid noch einmal zum Einsatz. Nach einer halben Stunde bricht aber die Wolkendecke auf und die Sonne überflutet mich mit Wärme.

Nach einer Weile komme ich an einem Kloster vorbei. Eine Tür steht auf und ich schaue mal schüchtern hinein. Keiner da, aber aus einem Nebenhaus dringt Kirchenmusik an mein Ohr. Ich trage mich mit dem Gedanken, mich für zwei Wochen einzuquartieren. Die Welt da draußen auszusperren. Dann besinne ich mich aber, dass die Gastgeber hier einen anderen Tagesrhythmus haben als ich. Morgens um sechs bereits frohlocken – das ist mit mir vor 11 Uhr nicht zu machen. Deren Gebetsrituale sind mit meinem Schlafbedürfnis nicht kompatibel. Vermutlich haben sich nicht einmal WLan.

Dann will ich wenigstens eine Kerze anzünden. Eigentlich ist das ja immer Nicos Part, wenn wir unterwegs sind. Weil ich kein Kleingeld habe, erstehe ich gleich eine Familienpackung der Leuchtreklamen und zünde  vier auf einmal an. Viel hilft viel.

Beim Betrachten des flackernden Kerzenlichts fließen meine Gedanken mal wieder für ein paar Jahre zurück und tauchen ein, in den ganz realen Wahnsinn:
Weil Nico durch mich in Sippenhaft genommen wurde, erhielt auch er Hartz-IV. Kurz vor Ende seiner Schulzeit erhielt er ein Schreiben:

„Sehr geehrter Herr Nicola Schnittger,
ich lade Sie hiermit zu einem persönlichen Gespräch ein, weil ich mich mit Ihnen über Ihren beruflichen Werdegang unterhalten möchte.“

Mit dem obligatorischen Hinweis auf Sanktionen, dass, wenn er dieser Aufforderung – sie nennen es immer „Einladung“ – nicht Folge leisten würde, er mit Leistungskürzungen zu rechnen habe.

Ich schrieb zurück, dass eine Unterhaltung mit Nico wohl nur etwas eingeschränkt möglich sein dürfte, denn bisher sei er noch nie als Virtuose fein abgewogener Worte aufgefallen.

Wenn dem Jobcenter also der Wortschatz: „Mama, Pabba, Ärger“ genüge, würde er der Aufforderung gern nachkommen. Das Studium der zahlreichen, einschlägigen und vom Jobcenter regelmäßig angeforderten medizinischen Gutachten, könnte als Bestätigung meiner Ausführungen durchaus hilfreich sein. Denn alle halbe Jahre musste ich  nachweisen, dass keine Wunderheilung eingetreten ist.

Nach wenigen Monaten erhielt Nico ein weiteres Schreiben:

„Sehr geehrter Herr Schnittger,
ich lade Sie hiermit zu einem Gespräch ein …“

Ich schrieb erneut: „Um Wiederholungen zu vermeiden, verweise ich auf mein Schreiben vom …“

Ein Jahr später:

„Sehr geehrter Herr Schnittger,
ich lade Sie ein …“

„Tja, mein Lieber“, sagte ich ihm. „Dann machen wir uns mal auf die Socken!“

Ich suchte  noch einen  dicken Aktenordner, um ihn, einfach  nur so zum Spaß, Nico auf den Schoß zu legen, und wir schoben zum Amt. Ich zeigte Nico den Weg zu seinem Gesprächspartner. Die Türen stehen ja immer offen und so rollte er hämisch kichernd hinein. Ich nahm im Wartesaal gespannt Platz. Sekunden darauf hörte ich ein Klatschen im Raum. Es war wohl der Aktenordner, der erwartungsgemäß auf dem Boden landete. Dann hallte ein Jubelschrei, durch die Räume. Einen Moment später sah ich in das Gesicht eines völlig verstörten Mitarbeiters, der sich hilflos im Wartesaal umsah.

„Sind Sie der Vater?“, fragte er mich sichtbar beunruhigt.
„Ja“, entgegnete ich kurz.
„Wollen Sie nicht lieber zu uns kommen?“
„Gerne, wenn’s hilft.“ …

Diese kleine Geschichte nahm unsere Freundin Turid Müller – Chansonnette, Kabarettistin, Psychologin, Schauspielerin, Regisseurin … – zum Anlass für uns zwei Wanderburschen ein fröhliches Lied zu schreiben: Auf die Socken …

Und auch das Arbeitsamt
Kann einfach nicht verstehen
Lieber ein Kind im Heim
Als weiter „hartzen“ gehen
Das Amt droht Strafen an
Kürzt selbst das kleine Geld
Und schließlich hat das Amt
Den Jungen einbestellt
Man wolle reden und
Es gehe doch nicht an
Dass so ein junger Mensch
So gar nichts leisten kann
Man fragt sich manches Mal
Wer wohl die Briefe kriegt
Oder woran es liegt
Das da die Menschlichkeit nie siegt
Los, Alter! Machen wir uns auf die Socken …

Niemals hat der Herr im Amt
So hilflos dreingeschaut
Da kommt doch dieser Rolli durch die Tür
Der Junge kann nicht reden
Doch sein Blick hat viel gesagt
Eine Mahnung in Aktion statt auf Papier
Los, Alter! Machen wir uns auf die Socken …

Alles fließt …

 

2 Antworten auf „inwendig warm 2018, Tag 11, „Lasst uns die Straße rocken …““

  1. Gute Geschichte, danke, für die Inspiration! Natürlich liest es jemand — Mögen andere den Mut zum Widerstand finden! 😀 Möge der Spahn bald Geschichte sein — <3

  2. Ich sitz im Zug und musste so lachen! Schöne Geschichte , ich habe es auch schon oft gedacht, jedes Jahr dieser dämliche Teilhabeplan (könnte man auch länger „haltbar“ machen) da denke ich auch oft , spontan Heilung möglich, was geht in Köpfen der Sachbearbeiter ab? Und IMMER die große Frage: LIEST ES EIGENTLICH AUCH JEMAND ???????
    Ich schicke meinen Sohn dann auch mal alleine rein…. richtig gut und macht Mut!

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