Inwendig warm 2018, Tag 2 „Komm, wir gehen mit der Flut …“

Und ist’s auch nicht ganz angenehm
und stünd ich ganz allein
Ich möchte wieder widerstehen
und weiterhin verwundbar sein.
Konstantin Wecker

 

Ein paar Gedanken:

Vergangene Woche rief mich eine alte Dame an. Sie war sehr verzweifelt und weinte. Ihre Tochter, 40 Jahre alt, sei Autistin, sagte sie. Sie lebt in einem Altenpflegeheim bei Hamburg. Weil ihre Tochter sehr umtriebig ist, werde sie nachts an ihr Bett gefesselt. Ohne eine richterliche Genehmigung. Das Personal ist völlig überfordert, denn nachts gibt es nur zwei Pflegerinnen für 50 Bewohner. Und die sind auch noch auf zwei Gebäude verteilt. Manchmal, so sagt sie, nässt sich ihre Tochter ein. Dann liegt sie stundenlang in ihren Ausscheidungen. Jeden Tag besucht sie ihre Tochter. Die Heimaufsicht möchte sie nicht einschalten. Sie befürchtet, Nachteile für ihre Tochter, denn das Heim hatte bereits damit gedroht, den Pflegeplatz zu kündigen. Dann wüsste sie nicht mehr, wie es weitergehen würde.

Heute ist wanderfreier Sonntag. Traditionell sind alle Sonntage während der inwendig-warm-Aktionen wanderfrei. Die Zeit nutze ich zum Ausruhen, zum Schreiben, zum Nachdenken. Mehrere tausend Kilometer habe ich nun auf der Uhr. Einmal bin ich bereits nach Berlin gelaufen. Aus Protest gegen die unwürdige Behandlung des damaligen Hamburger Senats gegenüber Eltern mit behinderten Kindern. Es war im Januar und saukalt. Zweimal bin ich von Hamburg nach Nordrhein-Westfalen gewandert, einmal quer durch Deutschland von Flensburg bis zum Bodensee, einmal auf dem Jakobsweg in Spanien und einmal auf der Römer-Lippe-Route. Bis auf die Januarwanderung nach Berlin hatte ich Nico immer dabei. Sein Lachen und seine Fröhlichkeit haben mir so manche Tür geöffnet.

Ein Lachen hört man nämlich weiter als ein Weinen.

Ziel war es regelmäßig ein wenig aufzurütteln, zu sensibilisieren und über die Pflege in Deutschland zu berichten, die für ein reiches Land, wie unseres, unwürdig ist. Ich habe PolitikerInnen zum Mitwandern eingeladen, BehördenmitarbeiterInnen, pflegende Angehörige, kurz – alle, die mit dem Thema konfrontiert sind. Unterwegs konnten wir uns in entspannter Atmosphäre austauschen, von unseren Sorgen, und Ängsten erzählen, ohne dass dieser große Schreibtisch mit den vielen Paragrafen zwischen uns steht.

Viele liebe Menschen –  sogar aufrichtige Politiker –  habe ich kennengelernt. Aber ich muss rückblickend eingestehen:

Viel erreicht habe ich nicht. Eigentlich bin ich grandios gescheitert. Die Pflege in Deutschland ist noch immer eine Katastrophe. Über Pflegenotstand wird fast täglich irgendwo berichtet. Tendenz zunehmend.

Warum tue ich mir das immer wieder an?
Die Antwort ist ganz einfach:
Aus Liebe zu meinem Sohn und aus Sorge um seine Zukunft.

Gestern hatte ich ein gutes Gefühl. Gestern bekam  ich wieder neuen Mut. Durch Euch, die Ihr diese Aktion begleitet und durch die Nachrichten im Heute Journal.
Habt Ihr das gesehen?

Ein Blick in die USA – Hunderttausend Jugendliche demonstrierten gegen die amerikanische Waffenlobby und empörten sich gegen die Waffengesetze.
Es ist zwar unklar ob sie etwas erreichen.

Es geht ums Tun und nicht ums Siegen.
„Wir können und wir werden das nicht zulassen!“, sagten die Schüler.
Das macht mir Mut. So muss es sein!

Warum bekommen wir das nicht hin, gegen eine Politik aufzubegehren, die handlungsunwillig ist, diesen Pflegenotstand zu beenden?

Wir lassen es zu, dass unsere Eltern, unsere Großeltern, unsere Lieben in entwürdigender Weise ihren letzten Lebensabschnitt beenden.
Wir lassen es zu, dass Eltern von behinderten Kindern nicht ausreichend unterstützt werden.
Wir lassen es zu, dass die Menschen, die unsere Angehörigen pflegen nicht ausreichend belohnt werden.
Wir lassen es zu, dass pflegende Angehörige in Armut geraten.
Wir lassen es zu, dass unseren Eltern und Großeltern die Renten gekürzt werden.
Wir lassen es zu, dass hier (nicht nur) Kinder in Armut leben.
Wir lassen es zu, dass Menschen an den Tafeln Schlange stehen und auch noch gegeneinander aufgehetzt werden.
Wir lassen es zu, dass Hartz-IV-Empfängern das Kindergeld wieder abgezogen wird.
Wir lassen es zu …

Nicht „die da oben“.

WIR lassen es zu!
Lasst uns aufstehen. Es ist an der Zeit.

Zum Abschluss möchte ich Euch noch den Text eines Vaters zeigen, der aus Sorge um seine behinderte Tochter schier verrückt wird.

Morgen geht  die Reise weiter: von Bergedorf nach Lauenburg.
Dann wird’s auch wieder ein bisschen fröhlicher.

Ein Vater schreibt mir:

„Ich habe eine Tochter. Sie ist 11 Jahre alt und ein wundervolles Kind. Ich liebe sie über alles. Sie ist anders. Sie kann nicht lesen und schreiben. Sie kann nicht sprechen, nicht laufen, sie muss gefüttert werden. Vor 80 Jahren hätte man sie als „lebensunwertes Leben“ bezeichnet. Man hätte sie uns weggenommen. Man hätte grausame Experimente mit ihr durchgeführt, bevor man sie ermordet hätte. Heute haben Millionen von Menschen eine Partei gewählt, die dasselbe menschenverachtende, empathielose und brutale Menschenbild in sich trägt wie die damaligen Machthaber. Mit „Wir haben es nicht gewusst“ werden sie sich nicht nochmal herausreden können.“

„Doch da muß jetzt was passieren,
zu viel Zeit ist schon verschenkt,
und es wird von den Erstarrten
das Geschick der Welt gelenkt.
Und die fällt bald aus den Angeln.
Komm, wir gehen mit der Flut
und verwandeln mit den Wellen
uns’re Angst in neuen Mut.
Konstantin Wecker

3 Antworten auf „Inwendig warm 2018, Tag 2 „Komm, wir gehen mit der Flut …““

  1. Ich bin erst heute -am Tag Deiner Ankunft- auf Deine Aktion aufmerksam geworden. Ich danke Dir für Dein Tun und wünsche für uns alle größten Erfolg.

  2. Lieber Arnold,

    danke für deinen Mut, dich immer wieder auf den Weg zu machen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen!!
    Ich wollte letztes Jahr an der gemeinsamen Wanderung in Aschaffenburg teilnehmen, habe es jedoch nicht geschafft, weil mich Panikattacken ergriffen haben und eine größere Krise ausgelöst haben.
    Ich hoffe ich kann bald wieder so gerade und aufrichtig dastehen wie DU!
    Du bist ein Vorbild , mache weiter Arnold auch wenn du nicht unmittelbar Erfolge siehst.
    Du berührst viele Herzen ( inclusive meines) und sprichst für viele, die es nicht wagen etwas zu sagen.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft ,

    liebe Grüße

    Ralf , Papa eines Angelman-Kindes

  3. Warum lassen wir all das zu? Es ist halt einfacher in der Konfortzone zu bleiben und mit der Masse mitzuschwimmen. Ich befürworte das nicht! Wer aufsteht und den Mund aufmacht, wird andere Menschen auf sich aufmerksam machen. Manche werde es bewundern, manche werden es für total behämmert finden. Man kann nicht von allen gemocht werden und sollte auch nicht versuchen, es allen rechtzumachen, denn dann erreicht man gar nichts.
    Ich für meinen Teil polarisiere lieber als in der Masse zu verschwinden. Vor diesem Hintergrund wünsche ich dir viel Erfolg bei deiner Aktion!

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