inwendig warm 2018, Tag 3, Einsamer Wanderer

Wenn für mich kein Tag mehr kommt
und es trennt uns der Horizont,
lehn dich an, weil mein Herz nicht schlagen kann,
wenn es dich nicht tragen kann.
Und ich schwör dir,
du wirst mir nie zu wenig.
ich gehör dir,
wenn nicht für immer, dann wenigstens ewig.
Eine Sekunde ohne dich geht nicht.
Wenn nicht für immer, dann wenigstens ewig.
Denn durch dich lebe ich – Ewig!
Maffay

 

Es ist lausig kalt. Heute geht es von Hamburg Bergedorf nach Lauenburg. Immer an der Elbe lang. Die Gruppe ist sehr überschaubar. Die kleinste Polonaise der Welt. Ein Wanderer mehr und wir könnten uns an den Händen fassen, einen Kreis bilden. So latsche ich einfach alleine los. Hat auch viele Vorteile: ich kann nach Herzenslust singen, La Paloma pfeifen – Klappskalli ist nicht bei mir. Er hält sich immer provokativ die Ohren zu, wenn ich singe. Meint stets, die ungesungenen Lieder sind die schönsten. Es ist auch preiswerter. Wenn wir im Sommer wandern, laufen wir immer von Eisdiele zu Eisdiele. Denn Nico frönt regelmäßig jubelnd seiner Leidenschaft für kulinarische Freuden. (siehe Foto)  Und an seinem äußeren Erscheinungsbild geht der Dauerappetit nicht spurlos vorüber. So ist es nicht schlecht, dass er wegen der noch kalten Jahreszeit in diesen Wandertagen lieber von seiner Mama versorgt wird. Allerdings ist es zu befürchten, dass sie mit Blaubeerpfannkuchen diesen günstigen Umstand mit ihrer Mutterliebe wieder zunichte macht.

 

Der Weg führt mich entlang an wunderschönen Einfamilienhäusern, die idyllisch, direkt hinter dem Deich, mit dem Blick auf die Elbe, gelegen sind. Plötzlich ein Kläffen hinter einer der Hecken. Ich kläffe einfach zurück. Ich kann ihn nicht sehen, die Hecke ist zu dicht. Aber ich höre, dass er außer sich ist vor Wut und sich durch meinen Spaß provoziert fühlt. Ein Rascheln im Gezweig und – oh Schreck- ein Loch!

Der Kläffer ist ein Dackel. Halb so hoch wie ein Hund, aber doppelt so lang. Eine Art Sylvester Stallone mit Schlappohren. „Komm her, wir müssen reden“, übe ich schon mal für Berlin und halte ihm meine Hand zum Schnuppern hin. Er stutzt ein wenig, wundert sich wohl, dass ich keine Angst vor ihm habe und lässt sich sogar streicheln. Mit einem leisen Knurren, wohl um sein Gesicht zu wahren, verschwindet er wieder hinter dem Loch in der Hecke.

Ich trabe weiter und lasse meine Gedanken fließen, denke erneut an die unselige Zeit, wie alles begann. Während der Wanderung mit Nico 2013 quer durch Deutschland hatte ich in meinem Buch „Ich berühr den Himmel“ – Im Rollstuhl durch Deutschland –  bereits schon einmal alles niedergeschrieben. Den behördlichen Wahnsinn und die empathielosen Begegnungen von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit pflegenden Angehörigen.

Ich hoffe, es ist für Euch okay, wenn ich hin und wieder einen kleinen Werbeblock schalte und auf mein Buch verweise:
(Ein bisschen Werbung muss schon sein)

„Der ganz reale Wahnsinn“

„Was  wollen Sie?“

Das war die fröhliche Begrüßung  einer netten Dame vom Sozialamt Hamburg Wandsbek auf mein schüchternes „Guten Morgen“.

Ich hatte einen Kloß im Hals und Herzklopfen.

„Ich …,  ähm … ich“, stotterte ich – „also, mein vierjähriger Sohn ist behindert. Mehrfach schwerstbehindert. Bisher habe ich mich mit seiner Mutter im Wechsel um seine Pflege und um seine Betreuung gekümmert. Aber nun ist seine Mutter schon seit mehreren Wochen im Krankenhaus. Sie ist  sehr schwer erkrankt. Es ist das Schlimmste zu befürchten. Vermutlich wird sie auch noch viele Wochen in der Reha bleiben müssen. Die ständige Sorge um unseren Sohn, der Kampf mit Behörden, Suche nach Therapiemöglichkeiten und die Belastung im Beruf haben sie krank gemacht. Ich bin eigentlich freiberuflicher Fotograf. Aber nun bekomme ich wegen der aufwändigen Betreuung Job und Pflege nicht mehr unter einen Hut. Also konkret: Ich bekomme die Miete und den Lebensunterhalt für uns nicht mehr zusammen.“

„Und was wollen Sie jetzt von uns?“

„Ja, also – ich wollte, ich möchte einen Antrag auf Unterstützung stellen. Ich bin doch hier richtig, beim Sozialamt, oder?“

„Wir werden das sehr genau prüfen, verlassen Sie sich darauf! Und wir werden Sie massiv auffordern, einen festen Arbeitsplatz zu suchen. Wenn Sie freiberuflich nicht in der Lage sind für Ihren Lebensunterhalt zu sorgen, dann müssen Sie eben arbeiten gehen!“

Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!

Bedauerlicherweise wurde ich auf Ebay beim Ersteigern einer Woodo-Puppe überboten. Diese Begegnung der dritten Art hat mich dem Grunde nach bis zum heutigen Tag geprägt und traumatisiert. Mein, zugegebenermaßen, naives Weltbild von einer zumindest im Ansatz menschlichen und solidarischen Behördenstruktur bekam die ersten Risse. Denn  die Forderungen des Amtes gingen ein wenig am Problem vorbei. Man könnte auch sagen: voll daneben! Arbeiten kann ich  auch freiberuflich. Ich hätte genug zu tun. Ich bin, wenn ich das mal sagen darf, sogar sehr erfolgreich. Ich habe viele Promis vor der Kamera gehabt. Leute, wie Udo Jürgens, Reinhard Mey, Peter  Maffay, Elton John, Tom Hanks, Iris Berben, Inge Meisel – ich habe sie alle gehabt! Jetzt geht das aber nicht mehr.  Die Betreuung meines Sohnes ist sehr aufwändig. Fast jeden Tag eine Therapie. Nico war auch bereits zwei Wochen im Universitätskrankenhaus, seine Behinderung muss genau untersucht werden. Komplizierte Verfahren wie MRT, Computertomografie, das alles muss durchgeführt werden. Dabei  kann ich ihn doch nicht allein lassen. Überdies bin ich auch in großer Sorge seinetwegen. Vielleicht hatte ich vergessen zu erwähnen –  er ist behindert!“ Arbeiten UND gleichzeitig pflegen ist, zumindest derzeit, unvereinbar.

Eine halbe Stunde später, nach eingehender, sehr gründlicher Prüfung meiner Unterlagen, fand ich mich in einer langen Schlange vor der Amtskasse mit einer Auszahlungsanordnung wieder. Die ersten Monate bekam ich die Leistungen noch in die hohle Hand geschüttet. So konnte ich die Demütigungen wenigstens ganz besonders und körperlich erfahren.

Dann kam auch der erste schriftliche Bescheid. Er begann mit der erfrischenden Einleitung: „Bevor Sie der Allgemeinheit zur Last fallen, …“ Dann folgte ein Aufgabenkatalog: drei- bis viermal in der Woche eine Bewerbung schreiben und dem Amt vorlegen, dreimal im Monat selbst Inserate aufgeben, beim Arbeitsamt zur Vermittlung vorstellen, berufsfremde Arbeit aufnehmen, Nachtarbeit sowie auswärtige Arbeitsstellen in einem Radius  bis etwa 150 Kilometer akzeptieren. Andernfalls drohte 60 % Reduzierung der Sozialhilfe. Dass es nach der Diagnose „Behinderung“ zunächst galt, aus dem tiefen Loch, in das man gestürzt ist, heraus zu klettern, viele Arzttermine wahrzunehmen, frühfördernde Maßnahmen zu ergreifen, deren Möglichkeiten man sich selbstverständlich  und zeitaufwändig selbst erarbeiten muss, war nur schwer vermittelbar. Konkret: gar nicht.

Ich sollte mich nun neben der Pflege intensiv um einen Arbeitsplatz bemühen. Ganz besonders sollte ich auch ausbildungssfremde Arbeit in Erwägung ziehen. Also  bewarb ich mich bei der Lufthansa als Flugkapitän, bei der Bahn, ich bin ja ein Junge, als Lokführer, in einem Krankenhaus auf einen Chefarztposten usw. Ich hatte nämlich überhaupt keine Idee, welche reale Arbeit ich neben der Betreuung und der Sorge für Nico aufnehmen könnte. Jedoch verspürte ich bereits damals schon eine dezente Neigung zur Rebellion. Wenngleich zum damaligen Zeitpunkt mit stark eingeschränktem Selbstbewusstsein (ich lag ja der Allgemeinheit auf der Tasche) und war stets voller Sorge, wegen Einstellung der Leistungsbezüge, meine Wohnung zu verlieren.   

Die unsinnigen Bewerbungen beeindruckten meine „Freundin“ vom Sozialamt wenig. Beanstandet hat sie allerdings mein Postskriptum in den Bewerbungen. Das stieß ihr böse auf:

„PS: Ich vergaß: Ich habe einen schwerstbehinderten Sohn. Unter Umständen könnten gegebenenfalls die zahlreichen Arztbesuche, die Therapien, seine Befindlichkeiten, die Krampfanfälle möglicherweise zu Einschränkungen  meiner Arbeitsfähigkeit führen. Das verstehen Sie sicher.“

Auf die problematische häusliche Situation hinzuweisen, das ging ja nun gar nicht. So bekäme ich ja nie einen Job. Ich wurde dann mündlich aufgefordert, derartige Aussagen zu unterlassen. Zu meinem Bedauern wollte man mir  allerdings nicht schriftlich geben, dass ich meinen künftigen Arbeitgeber hinters Licht  führen sollte.

„Wie lange soll das jetzt so weitergehen?“, fragte mich einmal mein neuer Freund, der Sozialamtsabteilungsleiter. „Wollen Sie sich in die soziale Hängematte legen? Haben Sie schon mal an Ihre Rente gedacht? Was ist eigentlich mit der Mutter? Sie haben hier ein Attest vorgelegt, die Mutter sei erkrankt. Da steht gar keine  Diagnose drin. So können wir Ihren Anspruch auch gar nicht prüfen. Es ist vom Gesetzgeber nun mal nicht vorgesehen, dass sich ein nichtehelicher Vater um sein Kind kümmert“.

Aber wieso eigentlich immer die Mütter? Hat ein Vater keine Pflicht? Muss man es also so sehen, dass ein Sozialamt mit allen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten versucht zu verhindern, dass ein Vater seinen (moralischen) Pflichten nachkommt? Deshalb wurde mir nun aufgetragen, zusätzlich zu den Bewerbungen, ein Pflegetagebuch zu führen.  Jeder Pups in die Windel  sollte nun dokumentiert werden. Mit Tag und Uhrzeit. Denn Strafe muss schließlich sein.

Weil er seine väterlichen Rechte beschädigt sah, hatte sich der als etwas exzentrisch bekannte Schauspieler Matthieu Carrière deshalb vor dem Bundesjustizministerium an ein Kreuz binden lassen. Das fand ich nun doch leicht  überzogen, soweit wollte ich es nicht kommen lassen. Und wenn schon, dann annageln, dass hätte Stil gehabt!“

Lauenburg kommt in Sicht und reißt mich aus meinen Gedanken. Das Etappenziel ist erreicht. Morgen starte ich hier mit Freunden aus dem Raum Wolfsburg. Morgen treffe ich sie hier.

Ich freue mich sehr.

 

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Hermann Hesse

 

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