inwendig warm 2018, Tag 4, „Anna“

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen,
was keiner sagt, das sagt heraus
was keiner denkt, das wagt zu denken
was keiner anfängt, das führt aus.
Wenn keiner ja sagt, sollt ihr es sagen
wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
wenn alle mittun, steht allein.
Wo alle loben, habt Bedenken,
wo alle spotten, spottet nicht,
wo alle geizen, wagt zu schenken
wo alles dunkel ist, macht Licht.
Lothar Zenetti

 

Wir treffen uns in Lauenburg an der Elbe: Olli, Nicilein und Anna.
Ich bin ein bisschen spät dran. Musste eben noch ein Interview für den NDR 90,3 geben. So schrecklich. Noch nicht ganz munter und in Sekunden vortragen, was mir an der Pflege in Deutschland nicht gefällt und was ich Herrn Spahn sagen würde, sollte er mich tatsächlich zum Kaffee empfangen.

Nici und family sind mit dem Wohnmobil aus Gifhorn angereist. Nici möchte mich heute bis Besitz begleiten. Anschließend wollen die drei ein paar Tage an der Ostsee relaxen. „Wo seid ihr genau“, frage ich mit dem Handy. „Ich finde Euch nicht!“ „Alte Bahnhofstraße“ simst Nici zurück. Kennt mein Navi nicht. „Seid Ihr in Lauenburg“, frage ich nochmal. „Ja, am Hafen“. „Was seht Ihr?“ „Wasser“, tönt es zurück. Endlich schnalle ich das. Sie stehen auf dem anderen Elbufer.

Wir begrüßen uns herzlich. Seit der letzten Wanderaktion im vergangenen Jahr in Hessen – „Mobil in der Region“ – haben wir uns nicht gesehen. Anna springt aus dem Wohnmobil und umarmt mich. Das ist nicht selbstverständlich. Anna ist Autistin. Berühren ist nicht so ihr Ding. Sie schenkt mir einen wunderschönen selbst gestrickten bunten Schal. Den muss ich sofort umbinden. Damit verdecke ich die Knöpfe von meinem Hemd und von meinem  Pullover. Knöpfe kann sie nicht sehen. Das macht sie wuschig. Auch die Bändsel, die von meiner Kapuze herunter hängen muss ich verstecken. So ist das bei Autisten. Das muss man akzeptieren.

Eigentlich wollte Nici mit mir wandern. Olli und Anna sollten in Lauenburg das Museum besichtigen, lecker essen und uns dann hinterher fahren. Für Nici die einzige Chance einmal kurz durchzuatmen.  24 Stunden betreut sie Anna. Rund um die Uhr. Anna ist eine liebenswerte junge Dame mit strahlenden Augen. Aber sie benötigt ständige Präsenz und Aufmerksamkeit.

Keine ruhige Minute von Reinhard Mey bekommt hier eine ganz besondere Bedeutung. Keine ruhige Minute – den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr.  Niemals Urlaub, denn im Kontakt zu Menschen gerät Anna in Panik. Wenn man nicht gerade einen Faible für das grönländische Inlandeis hat, ergeben sich nicht viele Reiseziele.

Und es kommt immer anders, als man denkt. Anna möchte nicht ins Museum. Trennungsangst. Bei Mama bleiben. Die kurze Zeit zum Verschnaufen ist Nici nicht vergönnt. Ich mache den Vorschlag, Anna kann sich ja in den leeren Rollstuhl setzen. Das Angebot nimmt Anna freudig an. Pädagogischen Schlaumeiern sei an dieser Stelle geraten, den Ball flach zu halten. Es gibt keine Einflussnahme und keine Lernziele. Es ist, wie es ist.

Wir schieben los. Nach kurzer Zeit überqueren wir die ehemalige Grenze zur ehemaligen DDR. Wir sind nun in MeckVoPo. Anna freut sich und verwöhnt mich mit Bonbons, die sie mir zusteckt. Sie redet unaufhörlich. Oft muss ich nachfragen, weil ich sie schlecht verstehe. Nici muss hin und wieder dolmetschen.  Ich kann nur erahnen, was es für eine Belastung ist, diese Dauerpower durchzuhalten.

Ab und zu drückt mich Anna an sich. Ich bin überrascht, merke aber, wenn ich den Druck erwidere, dass sie sich sofort aus der Umarmung löst. Nici erklärt mir, dass dieses Verhalten für Anna manchmal eine Schutzfunktion ist. Früher ist sie regelmäßig ausgerastet, wenn sie etwas gestört hat. Ein Knopf, ein offenes Hemd. Dann wurde sie aggressiv. Nun hat sie gelernt, damit umzugehen. Sie geht dann auf den Menschen zu und umarmt ihn.

Die Schule, so erfahre ich, hat oft versagt. Wenn Ihr etwas nicht passt, lächelt sie mich an und sagt es freundlich. So sehe ich nicht den Druck, der sich dahinter verbirgt. Die Lehrer haben das nie verstanden, ihr deshalb oft Provokation vorgeworfen und sie bestraft, wenn sie die Störungen nicht aushielt und auffällig und aggressiv wurde. Wieder einmal merke ich, dass die viel gepriesene Inklusion in bestimmten Fällen der absolute Schwachsinn ist und nur dem Ziel dient, Geld zu sparen. Auf Kosten unserer Kinder. Um Menschen wie Anna zu verstehen, bedarf es einer komplexen Ausbildung mit einem hohen Maß an Empathie und Sachverstand.

So ist es nicht verwunderlich, dass Nici und Olli niemand finden, keine Einrichtung, keine Tagesstätte, keine Behindertenwerkstatt, die bereit ist, Anna auch nur stundenweise zu betreuen. Eine interessante Frage wurde mir vorhin während eines Interviews gestellt: „Gibt es denn da keinen Rechtsanspruch, kann man jemand verklagen?“

Nö, wen denn? Eltern, wie Olli und Nici, stehen völlig im Regen. Was bleibt sind ein paar Hochglanzbroschüren, in denen steht, wie toll alles ist und das es ja Hilfen gibt und bla, bla, bla ….

Wir erreichen Boizenburg. Der kleine Hunger meldet sich und wir finden ein nettes Restaurant für einen Boxenstopp. Es sind nur zwei Tische besetzt, aber wir verkrümeln uns in einem Nebenraum in die letzte Ecke. Anna reklamiert die extrem leise Musik. Ich habe gar nichts gehört – das Alter! Und Hörgerät auf Leise. Aber die Kellnerin ist so nett und dreht den Sound weg.

Anna ist müde und so beschließen wir, dass ich alleine weiter gehe. Ich lasse die drei zurück, sie schlafen ein paar Stunden und reisen dann weiter an die Ostsee. Vielleicht nach Usedom, irgendwo, wo wenig Menschen sind.

2 Antworten auf „inwendig warm 2018, Tag 4, „Anna““

  1. Lieber Arnold, das hast Du ganz toll geschrieben 👍 Du hast es auf den Punkt gebracht! Vielen ❤lichen Dank dafür und auch für Dein großes Verständnis gegenüber unserer Anna 😘 Leider ist das keine Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft und daher fehlt es auch an Unterstützung, die wir wirklich dringend benötigten … vorallem für die Zukunft! Es war eine große Freude Dich etwas auf Deinem Weg begleiten zu dürfen 😊

  2. Ich kenne das nur zu gut.und wenn nichts für die Ärzte Organisch erklär bar ist heißt es gleich Depression,Nur Ärger mit diesem ach so tollem Staat,vorallem wenn man ein Krankes Kind hat,wird man immer im Stich gelassen

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