inwendig warm 2018, Tag 8, „Im Nebel“

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
Hermann Hesse

 

Schietwetter! Es regnet, als ich los laufe. Zumindest kann ich meine neu erstandene Regenhose einweihen. Ein Trost –  das Meiste geht vorbei. Einigermaßen missgelaunt gehe ich meinen Weg. Wie bin ich froh, dass Nico nicht dabei ist. Solche Wetterlagen sind ausgesprochen grenzwertig. Als ich mit ihm durch Deutschland gelaufen bin, hatte ich riesiges Glück. Geregnet hat es nur am Sonntag, wenn wir nicht gewandert sind oder am Ende des Tages, wenn wir die sichere Unterkunft erreicht hatten.

Eine Episode fällt mir ganz besonders ein:
„Wir sind nach der Wanderung total ausgehungert und kehren beim Italiener um die Ecke ein. Wir sitzen draußen. Es beginnt ein wenig zu nieseln. „Wollt ihr nicht lieber reinkommen?“, fragt der Wirt. „Nö, wegen der paar Tropfen? Wir sind doch nicht aus Zucker! Guter Mann, wir kommen aus Hamburg. Für uns beginnt Regen erst, wenn die Heringe auf Augenhöhe vorbeischwimmen.“

Das Essen kommt und der Wolkenbruch auch.

Ich muss an einen Sketch von Rudi Carell und Beatrice Richter denken, wie sie vor einem Lokal Nudelsuppe essen, und, wie wir, den guten Rat des Wirtes ausschlagen, dabei  prompt in einen Wirbelsturm geraten. Die Suppe fliegt ihnen um die Ohren. Genau so ist es nun bei uns. Filmreif. Es schüttet, als ob eine Kuh das Wasser lässt. Uns fliegen die Nudeln ins Gesicht. Eine bleibt an Nicos rechtem Ohr hängen.  Das tut unserer guten Laune jedoch keinen Abbruch und wir lachen uns  schlapp. Unser Humor ist ungebrochen. Humor ist eine der Möglichkeiten, das Leben erträglich zu machen. Die mir liebste. Zwar sitzen wir unter einem großen Schirm, aber der Wind fegt uns die Regentropfen direkt in die Nudelsauce. Der Wein in meinem Glas wird zu Wasser. Aus der Bibel kenne ich das andersherum. Unmöglich, die nur fünf Meter entfernte, rettende Taverne trocken zu erreichen. Mit einem Schirm holt uns der Wirt, der sich das Elend nicht mehr ansehen mag, in die gute Stube und sorgt dafür, dass das Wasser wieder zu Wein wird. Gerettet.“
(aus „Ich berühr den Himmel“)

Leben ohne Humor ist eben witzlos.

Der Regen wird etwas dicker und nennt sich nun Schnee. Die Autos, die viel zu dicht an mir vorbei brausen, nässen mich nun auch noch von der Seite ein. Meine Laune kann das nur verschlechtern. Heute Morgen sah ich in den Nachrichten, dass Herr Spahn sich bei den Pflegenden bedankte und ihnen – rechtzeitig zu Ostern – ein paar Häschen vorbei brachte. Hat er einen neuen Imageberater? Ehrlich wäre es gewesen, wenn  er ihnen gesagt hätte, dass sie keine Lobby haben. Nicht die professionellen Kräfte und auch nicht die Angehörigen. Für Angehörige, die 24 Stunden am Tag, 30 Tage im Monat und 365 Tage im Jahr für ihre Lieben da sind, eine glatte Verhöhnung. Ich denke, insgeheim ist er froh, dass sie gar keine Zeit haben, auf die Straße zu gehen.

Leider bleibt die große Empörung aus.

Oder sehen wir uns in Berlin am 6.4. um 16 Uhr vor dem Gesundheitsministerium?

Boxenstopp! Nach der Wanderung fahre ich nach Hause. Wir haben Karten für die Aufführung von Bambi mit Christian Berg im St. Pauli Theater.  Nico freut sich schon wie Bolle. Und wir uns auch!

Montag geht es wieder auf die Piste. Berlin ist nicht mehr weit.

 

 

 

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