inwendig warm, Tag 7, „Ich hab‘ einen Traum …“

Ich hab einen Traum, wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein,
alle die fliehen vor Hunger und Mord, und wir lassen keinen allein.
Wir nehmen sie auf in unserem Haus und sie essen von unserem Brot,
und wir singen und sie erzählen von sich und wir teilen gemeinsam die Not
und den Wein und das wenige, was wir haben, denn die Armen teilen gern,
und die Reichen sehen traurig zu – denn zu geben ist ihnen meist fern

Ja wir teilen, und geben vom Überfluss es geht uns doch viel zu gut,
und was wir bekommen, ist tausendmal mehr: und es macht uns unendlich Mut.

Ihre Kinder werden unsere sein, keine Hautfarbe und kein Zaun,
keine menschenverachtende Ideologie trennt uns von diesem Traum
Vielleicht wird es eng. Wir rücken zusammen, versenken die Waffen im Meer,
wir reden und singen und tanzen und lachen, und das Herz ist uns nicht mehr schwer.
Denn wir haben es doch immer geahnt und wollten es nur nicht wissen:
was wir im Überfluss haben, das müssen andere schmerzlich vermissen.
Konstantin Wecker

Der Himmel meint es heute gut mit mir. Der Schnee ist noch da, aber hin und wieder lacht mir die Sonne zwischen den Wolken zu. Ich starte heute zu meinem persönlichen Ostermarsch. Die Gruppe ist recht überschaubar. Hätte ich einen Spiegel dabei, wären wir schon zwei. Aber das ist nicht schlimm. So bleibt viel Zeit für Selbstgespräche und ich kann meinen Gedanken nachhängen.

Heute ist Karfreitag. Ein Fest der Christenheit. Wir beschwören oft unsere christlichen Werte und sind stolz auf sie. Gleichzeitig sehen wir auf andere Religionen herab. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, einer der ersten Sätze unseres neuen Heimatmuseumsministers, mit dem er polternd sein neues „Männeramt“ eröffnete. Horst wird auch nicht müde, auf die christlichen Werte zu verweisen. Insbesondere, wenn es um Abschiebungen geht.
Was sind denn eigentlich unsere christlichen Werte?

In der Bergpredigt, habe ich mal gelernt, stehen einige dieser Werte:
Selig sind die Sanftmütigen
Selig sind die Barmherzigen
Selig sind, die Frieden stiften
Selig sind die Verfolgten ….

Was machen wir? Wir sichern unsere Außengrenzen. „Es gibt nichts ekelhafteres, als Grenzen“, schrieb schon Herrmann Hesse. Irgendwo steht auch, dass der Messias einmal wiederkommen wird. Was machen wir bloß, wenn er schon da war, aber elendig im Mittelmeer abgesoffen ist? Denn er kam nicht auf einem Esel, sondern mit einem Schlauchboot. Wurde abgedrängt von Schergen, die wir bezahlt haben. Vielleicht sitzt er nun in einem der Flüchtlingskonzentrationslager in Libyen  und wird misshandelt.

„Deutsche Diplomaten schlagen Alarm. In den  Flüchtlingslagern des Landes gebe es systematisch „Exekutionen, Folter und Vergewaltigungen“. Quelle: Auswärtiges Amt

Und wir schauen zu und schweigen?

Ob er sich noch einmal ans Kreuz nageln lassen wird?
Für uns?

„Wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein“, heißt es in dem wunderbaren Lied von Konstantin Wecker. Ich sehe schon das große Kopfschütteln. „Wir können doch nicht die ganze Welt ….“ höre ich. Man muss schon genau lesen. Mit „wir“ sind wir alle gemeint. Auch die Orbans, die Macrons und die Junckers. Dann spüren wir es nicht einmal, wenn sie kommen. Sie, die vor Hunger und Mord fliehen. Die vor Waffen fliehen, die wir bauen und liefern. Die vor einem Erdogan flüchten, der gerade ihre Städte mit unseren Panzern zerbombt.

„Obwohl die Bundesregierung die türkische Offensive in Afrin als „inakzeptabel“ bezeichnet, genehmigte sie seit deren Beginn Rüstungsexporte in Millionenhöhe an die Türkei.“
Ist nicht von mir. Ist aus der Tagesschau.

Ich war vor einiger Zeit mit Nico in einem Flüchtlingslager. Ein Freund hatte Obst und Süßigkeiten gesammelt und dort verteilt. Wir saßen im Zelt vor der Essensausgabe. Es dauerte keine zwei Minuten, dann versammelten sich 5,6 Frauen um Nico herum, brachten ihm Reis und Hühnchen von ihren Essenmarken, verzichteten auf ihre eigene Mahlzeit, streichelten ihm das Haar.
Glaubten, weil er im Rollstuhl sitzt, behindert ist, müssten sie ihm beistehen.

„Denn die Armen teilen gerne …“

 Was hat das alles mit der Pflege zu tun?

Ich denke, eine ganze Menge. Denn die Strukturen, die Mechanismen sind die gleichen: Hier wie dort Empathielosigkeit, Gleichgültigkeit, wirtschaftsdenken, Lobbyismus…

Betriebswirtschaftliches Denken hat in einem Pflegebereich, ob Krankenhaus, Pflegeheim oder zuhause nichts zu suchen.  Hier darf es nicht um Profit gehen. Hier geht es um Menschlichkeit und Barmherzigkeit. Punkt!

 Und wer soll das alles bezahlen?“, höre ich.

Stell diese Frage doch bitte noch einmal, wenn Du nach Deinem Schlaganfall das Wasser nicht mehr halten kannst! 

Warum ist die Solidarität hier so unterentwickelt? Vor zwei Jahren war ich mit Nico auf dem Jakobsweg in Spanien unterwegs. Ich hatte seinen Rolli in einem Flussbett festgefahren, kam nicht mehr vor oder zurück. Ich konnte nicht so schnell gucken, wie aus allen Richtungen Helfer herbeieilten und uns aus dieser Lage befreiten. Warum stehe ich hier vor einem defekten Fahrstuhl und weiß nicht, wie ich die Treppen hinab komme?

 Einfach mal anpacken! 

„Wir müssen mehr Verantwortung übernehmen und mehr Geld in die Hand nehmen!“  Ein schöner Satz! Leider stammt er von Ihrer Kollegin der Kriegsministerin. Sollte ich ihn aus Ihrem Munde hören, Herr Spahn, dann sind Sie mein Freund!

Lasst uns solidarisch sein. Lasst uns endlich aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Wenn nicht jetzt, wann dann? Statt einen Blog zu schreiben, um den Block gehen.

Auf die Straße gehen –schwingt die Bettpfannen!

Am 6.4. um 16 Uhr ist jetzt eine Kundgebung  vor dem Gesundheitsministerium  Friedrichstraße 108 geplant.
Ggfs. anschließend noch eine kleine Demo.

Kommt doch alle, „die Ihr mühsam und beladen seid“!

Ich komme endlich am Ziel an. Nass geschwitzt – innen und außen.

Doch ich bleibe dabei, denn wird ein Traum geträumt von unzähligen Wesen,
dann wird an seiner zärtlichen Kraft das Weltbild neu genesen.
Ja, ich hab einen Traum von einer Welt und ich träume ihn nicht mehr still:
es ist eine grenzenlose Welt in der ich leben will.
Wecker

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